Peter Kleine
Grußwort
Liebe Leserinnen und Leser,
viele Jahre führte das einst prägnante und stattliche Volkshaus das stille Schattendasein eines „Lost Places“ inmitten der gründerzeitlichen nördlichen Innenstadt. Vernachlässigt von seinen privaten Eigentümern und ohne dringend notwendige Bauunterhaltung verfiel es zusehends.
Als das Volkshaus 2024 durch die Stadt Weimar aus einem Insolvenzverfahren heraus erworben werden konnte und ein Weiterverkauf ins Ausland verhindert wurde, war damit die lange Periode der Verwahrlosung des Gebäudes beendet.
Warum sollte man so ein ruinöses Bauwerk erwerben? Aus Verantwortung für einen wertvollen Bau mit wichtigem historischen Hintergrund. Die Besonderheit des Weimarer Volkshauses liegt unstrittig in der geschichtlichen Bedeutung dieses Ortes im Zeitgeschehen der Weimarer Republik. Erbaut von 1906 bis 1908, war das Gebäude ein Versammlungsort für Sozialdemokratie und Gewerkschaften. In keiner anderen Stadt ist dieser Zusammenhang so direkt ablesbar wie hier am Ursprungsort der Weimarer Republik.
Die geschichtlichen Ereignisse aufzuzeigen ist Inhalt dieser Publikation, ebenso wie die Entwicklung einer lebendigen Erinnerungskultur, die die Weimarer Volkshochschule als Bildungsarbeit zum Haus aktuell leistet. Auch dazu finden Sie einen Beitrag in dieser Publikation.
Nach dem Erwerb des Volkshauses durch die Stadt gab es aus der Weimarer Bevölkerung eine wahre Welle positiver Rückmeldungen. Davon zeugen Einsendungen von Unterlagen und Fotodokumenten bei der Stadtverwaltung — das Haus wird bis heute als Haus der Weimarer Bürgerschaft wahrgenommen. Es ist nicht nur ein emotional aufgeladener Ort eigener Lebensgeschichte, sondern auch Identifikationspunkt mit der kulturellen Vielfalt sowohl der DDR-Vergangenheit als auch der Wende- und Nachwendezeit.
Am Wochenende des 13./14. September 2025 öffneten sich die Türen des Volkshauses im Rahmen des Tages des offenen Denkmals erstmalig wieder für die Bevölkerung. Fast 3.700 Menschen nutzten die Möglichkeit der Besichtigung. An Mitmachstationen wurde eine Vielzahl an Erinnerungen geteilt und der Wunsch nach einer Wiederaufnahme der kulturellen Nutzung geäußert.
Mit einer zweiten Öffentlichkeitsbeteiligung im November 2025 wurde eine breit angelegte Diskussion über die Werte des Ortes und die Nutzungsmöglichkeiten und vor allem die finanziellen Herausforderungen der anstehenden Sanierung des desolaten Gebäudes gestartet. Kann und will sich die Stadt das Haus leisten? Wie kann eine Betreibung unter Einbeziehung wirtschaftlicher Aspekte aussehen? Dieser Diskurs wird uns noch länger beschäftigen, so wie auch die Sanierung des Gebäudes eine Langfristaufgabe darstellt. Bei der Instandsetzung des Volkshauses wird die finanzielle Unterstützung durch die Städtebauförderung eine wesentliche Rolle spielen müssen.
Vorerst konnten am Gebäude Notsicherungsmaßnahmen begonnen werden. Statische Sicherungsmaßnahmen im großen Saal und erste Dachreparaturen sind erfolgt. Über 100 Tonnen Grobmüll, Bauschutt und Altlasten sind beräumt worden, das Gebäude wurde gegen Vandalismus und unbefugtes Betreten gesichert. Weitere Arbeiten am Dach wurden 2025 durchgeführt. Somit wird der kontinuierliche Verfall gestoppt und ein Komplettverlust des Bauwerks vermieden. Damit ist ein wichtiges Ziel für das Gebäude erreicht.
Auch wenn eine grundhafte Sanierung gegenwärtig noch aussteht, hat das Volkshaus schon etwas sehr Wertvolles gewonnen: die Aufmerksamkeit und die Beachtung der Weimarer Stadtgesellschaft, die es verdient. So besteht die große Chance, dass das Volkshaus wieder zu einem attraktiven und lebendigen Kultur-, Bildungs- und Begegnungsort aller Menschen in ihrer Stadt wird.
Mit der Aufnahme der Bildungs- und Kulturarbeit der Volkshochschule zu Geschichte und Zukunft des Hauses wird an die Tradition des Hauses angeknüpft. Auch 2026 soll es weitere Angebote zum Volkshaus, zum Beispiel mit dem Format „Zukunftswerkstätten“, geben. Dafür wünsche ich der Volkshochschule viel Erfolg in ihrem Engagement für das Volkshaus und eine große Zahl aktiver interessierter Weimarerinnen und Weimarer mit Freude am Entdecken und Mitwirken.