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Komm, wir beide schließen
das Volkshaus auf.
Helga Dieckmann ● ehem. Mitglied des Ballett des Deutschen Nationaltheaters und über Jahrzehnte Dozentin für Gymnastik und Tanz an der vhs Weimar
Mein Ballettmeister nach dem Krieg war Henn Haas (1907–1989), und der brachte mich Mitte 1945 ins Volkshaus. Henn Haas war clever, der ist damals an den Rat der Stadt gegangen und hat gesagt: „Ich will ein Tanztheater eröffnen.“ Und da haben die gesagt: „Ja, aber das Theater [gemeint ist das Deutsche Nationaltheater, die Verf.] ist kaputt.“ Die Weimarhalle gab es zwar auch noch, aber das wäre wohl zu teuer oder zu groß gewesen und da hat er das Volkshaus für uns entdeckt.
Er holte sich den Schlüssel vom Rathaus. Und jetzt standen wir alle vor dem Volkshaus. Und mich mochte er besonders leiden, er hat mich immer so wie seine Tochter behandelt. Und da sagte er: „Komm, wir beide schließen das Volkshaus auf.“ Und er gab mir den Schlüssel. Ich kriegte es aber nicht auf. Das war nun nicht sehr oft aufgeschlossen worden. Das war schon ein bisschen verrostet. So, und dann hat er seine und meine Hand genommen und dann haben wir die Tür aufgemacht.
Da war ja nie gelüftet worden. Das war dunkel. Dunkelheit, das sind meine ersten Eindrücke vom Volkshaus. Und es schwebte so viel Staub in der Luft. Und das Erste, was wir gemacht haben, wir sind die Treppe hoch. Und dann sind wir in den Saal. Und dann sahen wir von Weitem: „Oh, eine Bühne, eine Bühne, eine Bühne!“ Und da waren auch Stühle, die aber nicht schön ordentlich standen. Das war ein Durcheinander. Und dann schickte er uns auf den Rang. Und da haben wir gerufen: „Hilfe!“, denn da waren nur Strohsäcke. Alle so auf der Erde. Da müssen Zwangsarbeiter geschlafen haben. Und was ganz furchtbar war, die waren porös, die ganzen Strohsäcke. Da mussten wir fegen. Da war eine riesige Staubwolke.
Und oben auf der Bühne hatten wir also so kleine Garderoben, so typisch für Theater, mit Spiegel, und in der Gaststätte war unser Ballettsaal. Es war unwahrscheinlich, was Henn Haas aus diesem Hause gemacht hat. Wir haben das vollkommen verdreckt, verstaubt bekommen und in kurzer Zeit hat er schon das Ballett „Turandot“ [letzte Oper von Giacomo Puccini (1858–1924), die Verf.] aufgeführt.
Und wenn man reinkommt ins Volkshaus, ist da die Gaststätte. Und da hat er sofort einen Ballettsaal gemacht. Mit einer wunderbaren Ballettstange. Und da habe ich meine Tänzerprüfung machen können. Ich kriegte dann einen richtigen Abschluss, Diplom als Tänzerabschluss.
Und wir haben dann oben geprobt auf der Bühne. Und das Erste war ja „Turandot“. Die zweite Aufführung war „Spuk im Weinkeller“. Und dann war „Scheherazade“. Das Ballett von RimskiKorsakow. Das ist das Märchen mit der Prinzessin.
Das war alles im Volkshaus. Henn Haas nannte das „Theater des Tanzes“, Deutschlands erstes Tanzspielhaus. [gegründet durch Henn Haas am 15. Mai 1945, die Verf.] Uns besuchte damals die Mary Wigman. Ich weiß nicht, ob Ihnen das ein Begriff ist, das ist die berühmte Ausdruckstänzerin, die Lehrerin von der Palucca [Hochschule für Tanz in Dresden, die Verf.]. Und die besuchte uns damals, weil sie hörte, dass da eine Schule ist zum Tanztheater [Mary Wigman (1886–1973) war eine deutsche Tänzerin, Choreografin und Tanzpädagogin. Sie machte den Ausdruckstanz als New German Dance international bekannt, die Verf.].
Aber zurück zur ersten Inszenierung: „Turandot“ Das ist ein Ballett von Josef van Leyen. Und da war ich eine Dienerin von der Turandot, das hatten wir einstudiert. Und was für schöne Kostüme wir hatten! Das war damals alles sehr schwierig, denn 1945 hatte man keine Stoffe, nichts. Es musste ja alles gemacht werden. Theater bestand ja nicht. Aber wir mussten ja neue Kostüme haben. Wir brauchten ein Bühnenbild. Und „Turandot“ war, glaube ich, noch mit Klavierbegleitung. Im Gegensatz zu den anderen Ballettensembles hatten wir ein richtiges Orchester. Ein richtiges Orchester! Ja, aber jetzt kam das Problem. Es waren viele Zuschauer da. Und es lief ein Orchester. Das musste ja bezahlt werden. Das waren alles Musiker, die kein Engagement hatten. Und auch ein Dirigent, der freischaffend war. Und dann kam das Problem, dass das Geld knapp wurde. Und Weimar zahlte nicht mehr. Und da hat Erfurt angeboten, dass wir nach Erfurt kommen. Das war ’46. Und das war dann das neue Domizil.