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Volkshaus Podcast Thomas Thieme

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Thomas Thieme Foto: Michael Paech

Ich bin mit 15, 16 Jahren, noch als Schüler, dem Arbeitertheater des Weimar-Werks beigetreten. Das wurde damals von einem Herrn Müller, einem Schauspieler am Nationaltheater, geleitet. Das war ein richtiger Profi-Schauspieler. Der hat mit uns Stücke einstudiert. Und das war eine ganz gute Truppe, denn wir haben immerhin, bei den sogenannten Arbeiterfestspielen, die es damals jedes Jahr gab, regelmäßig irgendwas gewonnen. Und ich kriegte eine ganz tolle Rolle, so ein jugendlicher Halbstarker. Und damit habe ich dann sogar mal die Goldmedaille bei den Arbeiterfestspielen als Solist gewonnen, als Jüngster aller Zeiten. Da war ich vielleicht 17. Ich hatte mein Arbeitertheater. Ich wurde aber auch immer ein bisschen belächelt von den anderen Halbstarken. Ich glaube, das fanden die ein bisschen mädchenhaft, dass ein junger Kerl mit Frauen auf der Bühne Theater spielt. Das empfanden die so, wir waren ja richtige Halbstarke, also 16, 17, ist ja die schlimmste Zeit! Da haben sie gesagt: „Na, Thomas, kommst Du wieder von Deinem Arbeitertheater?“

Und ich wundere mich heute, dass ich diese Stabilität aufgebracht habe. Ich bin dabeigeblieben. Ich habe mir das jede Woche einmal gegeben. Wir haben, glaube ich, donnerstags um 17 Uhr — die anderen waren ja auch Arbeiter, die konnten ja erst nach der Arbeit — bis 10 Uhr, 11 Uhr nachts, Proben gehabt, richtige ernsthafte Proben gemacht. Und die habe ich mir wirklich gegeben, obwohl sie mich nur verspottet haben. Aber als sie dann das Stück gesehen haben, da waren sie schon ganz schön beeindruckt. „Wie haste Dir denn den ganzen Text gemerkt?“ Das fanden sie dann schon beeindruckend.

Zum Beispiel gab’s eine große Feier, als ich diese Goldmedaille kriegte. Da gibt’s auch noch Fotos, für meine Rolle im Arbeitertheater, bei den Arbeiterfestspielen in Halle. Da wurde die Medaille im kleinen Saal des FD [Haus des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes, FDGB, die Verf.] vom Direktor des Weimar-Werks mir angeheftet. Also, so was gab’s auch, so Feierlichkeiten, Betriebsfeiern, Brigadefeiern und so. Das gab’s schon auch alles.

Den Namen kannte jeder; wer er ist, wusste keener: Michael Niederkirchner. Und dann stand da: Sonnabend, 19 Uhr, Tanz. Das hat gereicht. Außerdem wussten wir sowieso, dass es stattfindet. Es gab ja auch keine Telefone. Sie dürfen sich das ja nicht so vorstellen, dass man dann fragte: Was issen im FD los? Hallo? Was issen am Sonnabend los? Nee, da war keener. Nischt. Du konntest auch nirgends abheben, weil du auch keen Telefon hattest. Ja. Es stellt sich ja die Frage, wie wir das überhaupt alles, wie wir uns verabredet haben. Ich weeß es nicht mehr. Auch mit den Mädels. Wir haben sie ja getroffen, unter vier Augen dann. Aber wie haben wir uns verabredet? Wir waren alle da, immer, pünktlich.

Ich würde ein richtiges modernes Theater aus dem Volkshaus machen. Natürlich. Gegenentwurf zu diesem sehr tradierten DNT [Deutsches Nationaltheater, die Verf.], kein böses Wort übers DNT, sie versuchen’s immer wieder, in die Bevölkerung reinzukommen, in die Moderne reinzukommen, nur ist das ein Spagat, der ist praktisch gar nicht mit der Weimarer Bevölkerung zu schaffen, also modern zu sein. Und Tradition in Weimar — also, wer das hinkriegt, der kriegt den nächsten Weimar-Preis. Nö, ich würde ohne Rücksicht auf Verluste, Zuschauerzahlen und, und irgendwas, und wenn drei Zuschauer da sind, ich würde radikal modernes Theater machen und mal gucken, wie lang es geht.