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Volkshaus Podcast – Gespräch mit Wolfgang Klatte

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Wolfgang Klatte Foto: Rita Seifert

Was noch besonders war, das war das künstlerische Volksschaffen. Wir hatten ja 28 Volkskunstgruppen mit über 400 Mitwirkenden. Also Arbeitertheater, Kabarett, Ensemble der heiteren Muse, Fasching, Aquarianer, Fotozirkel, Malen und Zeichnen. Ich kenne noch den Maler Engelbert Schoner [* 23. Mai 1906 in Neuhaus am Rennweg; † 5. Juni 1977 in Weimar, deutscher Maler und Grafiker, die Verf.], der hatte da angefangen. Und was eben auch gut war — das finanzkräftige Weimar-Werk stand ja natürlich dahinter –, war, dass alle Gruppen von Profis angeleitet wurden. Die Sänger oder Schauspieler vom Theater, die haben bei uns Stimmbildung gegeben, die haben das Arbeitertheater angeleitet. Die Bauhaus-Uni hat viele Leute geschickt, die haben also wirklich große Unterstützung geleistet. Und wenn das Arbeitertheater eine Kulisse brauchte, hat das Nationaltheater gebaut, unter anderem. Also auch mithilfe des Weimar-Werkes. Und dadurch sind eben auch viele Weimarer so an das Haus gebunden, die haben es dort wie eine Heimstatt gehabt, haben sich da richtig wohl gefühlt und sprechen heute noch viele darüber.

Das Haus hatte ja für jede Sache jemanden gehabt. Wir hatten eine Fundusleiterin, wir hatten Ensembleleiter und auch einen künstlerischen Leiter, es gab ja alles. Das Ensemble der heiteren Muse bestand ja aus verschiedenen Untergruppen: eine Band, Gesangsquartett, Chor, Solisten und bei großen Programmen wurde das alles zusammengewürfelt und dann wurde ein großes Programm daraus gemacht. Und die traten ja regelmäßig auf. Also bei Betriebsfestspielen sowieso, das war Pflicht, und dann gab’s noch die Tanzgruppe dazu, und das war alles das „Ensemble der heiteren Muse“. Das Blasorchester, wir hatten ein sehr großes Blasorchester gehabt, wurde angeleitet eben von einem fest angestellten Ensembleleiter.

Die Puhdys, die sind da merkwürdigerweise nie aufgetreten. Die waren zwar privat als Gäste mal in dem Haus. Aber aufgetreten sind die da nicht. Aber alles, was es so an DDR-Rock-Bands gab, die sind alle da gewesen, da können sich ja viele noch dran erinnern, die Omegas aus Budapest, die Rote Gitarren aus Polen. Da haben wir die Fenster aufgemacht, das war im Hochsommer, da stand der ganze Parkplatz voller Leute und hat mitgehört.

Da war einmal im Jahr in der Weimarhalle so eine Art Messe, und da konnten die Veranstalter hingehen und sagen: So, wie ist der Kalender? Und dann bin ich da rüber und habe im Januar, Februar, März oder so, ein buntes Programm zusammengewürfelt. Und so konnte man das ganze Jahr planen, ich hatte ja jeden Monat eine Rockband gehabt. Karat war da, City war da, Berluc war auch da.
Und dann gab es noch was ganz Besonderes. Zu früheren Zeiten gab es ja im Volkshaus Boxveranstaltungen. Da wurde mitten im Saal der Box-Ring aufgebaut. Der Chefarzt vom Kirschberg-Krankenhaus, der war der Ringarzt. Und dann wurde dort geboxt, eine große Lampe wurde von der Decke heruntergelassen. Und auf dieser Bühne hat auch Bayon gespielt, mitten im Saal, weil die Akustik dort bissel besser war. Und kurze Zeit später ist da auch Nina Hagen mit dem „Farbfilm“ aufgetreten.

Nach der Wende gab eine Veranstaltung der nächsten die Klinke in die Hand. Ich habe also diese ganzen Politiker, die ich nur aus dem Fernsehen kannte, gesehen. Die waren dann plötzlich alle da. Ich erinnere mich noch an 1994, an den kleinen Parteitag der Bundes-CDU. Helmut Kohl kam da rein mit Händeschütteln. Ich habe ja heute noch — also er hat mir einen Füllfederhalter geschenkt, den habe ich heute noch, den habe ich in Ehren gehalten. Die ganzen Politiker, die man nur aus dem Fernsehen kannte, waren alle da. Und dann kann ich mich noch erinnern, dass auch Gregor Gysi da war, da war immer volles Haus, und fünf Minuten vor Beginn ist eine Bombendrohung eingegangen, und dann ist der auf die Bühne gegangen und hat gesagt: „Das kenne ich schon von anderen Veranstaltungen, es findet statt, wir machen weiter.“

[…]

Die Stadt hat auf das Vorkaufsrecht für das Volkshaus damals verzichtet. Die hätten’s ja haben können. Wortwörtlich — kann ich so auch wiederholen — hieß es ja: „Wir haben genug Säle in Weimar. Es ist viel neu gebaut worden. Die Hotels haben alle Säle. Das brauchen wir nicht.“ Und dann hat die Stadt Weimar drauf verzichtet, auf das Vorkaufsrecht, sonst hätten sie das Volkshaus schon haben können.
Also, ich könnte mir vorstellen, dass man einen großen Teil ständig vermieten kann, das geht, z. B. auch an Musikgruppen. Die suchen ja händeringend immer Proberäume. Aber ich, das ist so ein bissel mein Steckenpferd, könnte mir vorstellen, die Kleinkunst dort einzuführen. Ich habe jetzt wieder ein Programmheft bekommen — schauen Sie nach Erfurt, zu dem Herrn Staub. Der hat jetzt das fünfte Haus übernommen, als Familienbetrieb, und das läuft! Da gibt es ja das „Brettl“, das „Dusty“, die „Alte Oper“ und jetzt hat er den Stadtgarten noch übernommen und das Kabarett „Puffbohne“. Also fünf Sachen im Familienbetrieb. Und die „Alte Oper“ ist schon auch ein großes Haus. Und so was könnte ich mir vorstellen. Kleinkunstbühne als ständige Spielstätte oder so, und Kabarett auch, ne.