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Volkshaus in Weimar um 1910 Stadtarchiv Weimar

Weimar am Ende des 19. Jahrhunderts

Die Stadt Weimar war am Ende des 19. Jahrhunderts eine klassische Residenzstadt. Bestückt mit einem Stadtschloss und einer Reihe prächtiger Gebäude beheimatete es die Fürstenfamilie von Sachsen-Weimar-Eisenach und eine breite Schicht des gutsituierten Bürgertums.

Für die Gründungsgeschichte des Volkshauses ist aber vor allem die Arbeiterschaft wichtig. Diese umfasste circa ein Drittel der Einwohnerinnen und Einwohner. Sie arbeiteten in den circa 30 Kleinbetrieben der Stadt, aber auch in der Waggon- und Klavierfabrik.

Auflösung einer sozialdemokratischen Versammlung während des Sozialistengesetzes 1881 in Leipzig
U. a. abgebildet: Wilhelm Liebknecht (stehend, 2. von links), August Bebel (vor Liebknecht sitzend), Wilhelm Hasenclever (am Tisch sitzend, 2. von rechts), 1881 gemeinfrei

Der Grund des Anstoßes

Vom Anstieg der Anzahl der Arbeiterinnen und Arbeiter in der Stadt profitierte politisch die sozialdemokratische Bewegung. Während sie im Jahr 1901 120 Mitglieder zählte, verfünffachte sich die Anzahl der Anhänger der Sozialdemokratie bis 1906. Zu diesem Zeitpunkt zählte sie bereits 616 Mitglieder.

In der Folge war die Arbeiterbewegung auch in der Stadt immer präsenter. Man traf sich zu Versammlungen und Veranstaltungen oder hielt öffentliche Reden ab. Mit dem Zuwachs der Bewegung entstand aber auch immer mehr das Problem, dass es keine Räume mehr gab, die den Anforderungen entsprachen. In den üblichen Versammlungsorten — nämlich Gaststätten — konnte man sich bald nicht mehr treffen. Entweder fürchteten die Inhaber Sanktionen oder die Räume waren schlichtweg zu klein geworden.

Auf dem Weg zum Volkshaus bis zur Eröffnung

Da es den Arbeitenden in Weimar an einem geeigneten Ort fehlte, wurde rasch ein Neubau geplant. Der erste Schritt hierbei war die Gründung einer Genossenschaft, die den einprägsamen Namen „Volkshausgenossenschaft“ trug. Der nächste Schritt war die Eintragung der Genossenschaft ins Vereinsregister. Dieser erfolgte am 6. Juli 1906 und nahezu zeitgleich wurde eine GmbH gegründet. Damit hatte man nun die Möglichkeit, Kredite und Hypotheken aufzunehmen.

Die Gelder der Genossenschaft stammten zunächst aus den privaten Kassenbüchern. Die ersten elf Genossenschaftler waren von Beruf Tischler, Schneider, Schuhmacher, Buchbinder, Kutscher oder Brauer und hatten einen Anteil von 100,00 Mark eingebracht. Dies entspricht ungefähr heutigen 720,00 Euro.1

Anschließend machte man sich auf die Suche nach geeigneten Grundstücken, wobei dafür einige Orte in Weimar in Betracht kamen.

Auf der Fläche der Gärtnerei Lotze (Foto 1905) wurde das Gebäude des Volkshauses errichtet. Stadtarchiv Weimar

Am 5. Juni 1907 wurde ein Bauvertrag mit der Firma Röhr abgeschlossen und die Bauarbeiten begannen zeitnah. Bereits am 29. Juli desselben Jahres wurde der Grundstein gelegt. In einem Ecksockelstein wurde ein Dokument eingefügt, ähnlich einer Zeitkapsel.

August Baudert gemeinfrei, Bureau des Reichstages (Hg.): Handbuch der verfassunggebenden Nationalversammlung, Weimar 1919. Carl Heymanns Verlag, Berlin 1919

Der Kopf der Unternehmung: August Baudert

Einer der wesentlichen Akteure bei der Errichtung des Volkshauses war August Baudert. Vieles wäre wohl ohne seine Initiative und seine Beharrlichkeit anders verlaufen. Daher möchten wir hier einen kleinen Einblick in sein ereignisreiches Leben geben.

August Baudert wurde am 16. Juni 1860 unweit von Weimar in Kranichfeld geboren. Er machte eine Lehre als Strumpfwirker und trat bereits 1878 in die SPD ein. Neben seiner politischen Tätigkeit, beispielsweise als Gemeinderat in Apolda, arbeitete er unter anderem als Zeitungsredakteur. 1906 stieg er in den Landesvorstand der SPD Weimar auf, zeitgleich engagierte er sich für die Errichtung des Volkshauses. Er wurde Mitglied im Gemeinderat von Weimar und schließlich einer der Protagonisten während der Novemberrevolution 1918 in Weimar. Danach folgte sein Aufstieg auf Landesebene, was ihn immerhin bis zum Staatskommissar bzw. -minister für innere und äußere Angelegenheiten des Freistaates Sachsen-Weimar-Eisenach führte. Zudem saß er bereits während des Kaiserreiches im Reichstag (1898 – 1907 und 1912 – 1918) und später im Landtag von Thüringen (1920 – 1921). Außerdem vertrat er Thüringen in der verfassunggebenden Nationalversammlung. Er war also sowohl in Weimar als auch auf Reichsebene eine bekannte Persönlichkeit, die sich auf verschiedenen Ebenen einbrachte — das Volkshaus war dabei nur eine seiner Aktivitäten, in der er für eine demokratische und freiheitliche Ordnung stritt. Gestorben ist Baudert 1942, nachdem er während der Zeit des Nationalsozialismus mehrfach inhaftiert war.2

Hausanteilschein Volkshaus um 1913 Stadtmuseum Weimar

Schwierigkeiten bei der Umsetzung

Doch obwohl das Volkshausprojekt auf den Weg gebracht worden war, stand es immer wieder vor allem vor finanziellen Problemen. Das Geld der Genossenschaft reichte nur bedingt. So entschloss man sich zu einem neuen Vorgehen: Es wurden Hausanteilsscheine zu einem Wert von 5 Reichsmark verkauft. Wohl eine nicht gerade geringe Anzahl an Einzelpersonen und Familien übernahmen einen Hausanteilsschein, sodass die Finanzierung fortan gesichert wurde und es tatsächlich zur Eröffnung kam. Zudem hatten Wirte und Brauereien ein Interesse an einem gut gefüllten Volkshaus. Deswegen standen sie auch zur Kreditvergabe zur Verfügung.3

Volkshaus, 1910 Stadtarchiv Weimar

Die Eröffnung

Der Sozialdemokrat August Baudert hielt am Tag der offiziellen Eröffnung, dem 26.04.1908, die feierliche Festrede. Überliefert sind dabei folgende Worte Bauderts aus seiner Rede: „Möge das Volkshaus jetzt und alle Zeit seinem Namen Ehre machen“. Gespielt wurde während der Eröffnung unter anderem ein Stück Richard Wagners: „Einzug der Gäste auf Wartburg“ aus dem „Tannhäuser“. Von da an besaß die Stadt mit dem „imposante[n] Bau (…) eine sozialistische Trutzburg inmitten einer bürgerlichen Stadt.“4

Das Volkshaus wird bekannt — und prominent bespielt

Rasch entwickelte sich das Volkshaus zu einem zentralen Ort der Debatte und des Austausches. Immer wieder konnten prominenten Rednerinnen und Redner gewonnen werden, die vor allem auf der Reichsebene aktiv in Erscheinung traten und zu verschiedenen Reden nach Weimar kamen und dabei ein oft bis auf den letzten Platz gefülltes Volkshaus vorfanden. Zu den Vortragenden zählten:

  • Otto Rühle im September 1908 zum Thema: „Was ist Nationalökonomie und wozu studiert man sie?“
  • Clara Zetkin sprach am 02.02.1911 zum Thema: „Arbeits- und Lebensverhältnisse der Frauen“
  • Karl Liebknecht am 14.09.1911 zu „Marokko-Konflikt, Kriegshetze und das deutsche Volk“
  • Rosa Luxemburg am 03.12.1912 zum Thema: „Gegen Rüstungs- und Kolonialpolitik“
  • Rudolf Breitscheid am 13.10.1912 zu „Liberalismus und Demokratie“
Gedenktafel bekannter Rednerinnen und Redner im Volkshaus Weimar Stadtarchiv Weimar

Das Volkshaus als Kulturstätte

Aber nicht nur politische Veranstaltungen fanden im Volkshaus statt. Vielmehr wurde es auch bereits in den Anfangsjahren als kulturelle Stätte genutzt. Zahlreiche Veranstaltungen zeugen davon, dass es für die Arbeiterbewegung in ihrer Gesamtheit ein wichtiger Ort war, an dem nicht nur diskutiert und debattiert wurde, sondern an dem sich auch kulturell gebildet oder einfach erholt wurde. So konnte der Arbeiterbildungsverein sich im Volkshaus zusammenfinden, um unter anderem im Oktober 1911 eine Franz-Liszt-Feier zu begehen, der Freundschaftssängerbund konnte auftreten und seine Künste zum Besten geben oder die Weimarer Freie Volksbühne probte und zeigte ihre eingespielten Stücke. Das Volkshaus war damit — trotz seiner nicht ganz zentralen Lage — im Herzen der Stadt angekommen. Auch wichtige Jahrestage wurden im Volkshaus gefeiert. Den Anfang hatte beispielsweise die Schiller-Feier am 10. November 1909 gemacht. Hier hatte man sich getroffen, um den 150. Geburtstag des Dichters zu begehen.

Allgemeine Frauen- und Mädchen-Versammlung am 8. März 1914 Stadtmuseum Weimar
Großer Saal des Volkshauses, vor 1918 Stadtarchiv Weimar

Das Volkshaus im Ersten Weltkrieg

Mit dem Beginn des ersten Weltkrieges verlor auch das Volkshaus zeitnah seine eigentliche Bedeutung. Der sogenannte „Burgfrieden“ zwischen den Kaisertreuen und der Arbeiterbewegung hatte dazu geführt, dass das Volkshaus wohl recht bald seiner ursprünglichen Verwendung entzogen wurde. Denn es gab fortan immer weniger Veranstaltungen, die darin stattfinden konnten, zumal der größte Teil der männlichen Bewohner der Stadt Weimar an die Front beordert worden war.

Lazarettalbum der Krankenschwester Ida Bauer im Ersten Weltkrieg, Volkshaus Stadtarchiv Weimar
Versammlungsaufruf „Nieder mit dem Krieg“, August 1914 Stadtmuseum Weimar

Das Volkshaus wurde kurzerhand umfunktioniert — und zwar in ein Lazarett. Die Krankenschwestern der Stadt pflegten eine Vielzahl an Kriegsverwundeten und Opfern der Massenschlachten an der Front.

Fußnoten

1 www.bundesbank.de/resource/blob/615162/4162e577aa9cb1691714327342d6156b/472B63F073F071307366337C94F8C870/kaufkraftaequivalente-historischer-betraege-in-deutschen-waehrungen-data.pdf

2 Vgl. Christian Faludi 1919 in Weimar. Die Stadt und die Republik, Wiesbaden 2019, S. 108 FN 216 und de.wikipedia.org/wiki/August_Baudert

3 Festkomitee anläßlich der 50-Jahrfeier des Weimarer Volkshauses/Klubhaus „Michael Niederkirchner“ unter Vorsitz des Kreisausschusses des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes in Weimar (Hrsg.): 50 Jahre Haus der Werktätigen Weimars, Weimar 1958, S. 7-12

4 Robert Lorenz, Reichsjugendtag der Arbeiterjugend 1920 in Weimar — „dem Morgenrot entgegen“, unter www.rlorenz.de/texte/reichsjugendtag-der-arbeiterjugend-1920-in-weimar/

Ronny Noak Foto: Michael Paech

Ronny Noak

Ronny Noak arbeitet seit August 2025 als pädagogischer Mitarbeiter im Bereich politische Bildung an der Volkshochschule in Weimar. Er studierte von 2008 bis 2013 Politikwissenschaft und Geschichte in Jena und war anschließend Lehrbeauftragter an der FSU Jena. Er war bereits an der Ausstellung der Volkshochschule Weimar zu ihrer hundertjährigen Geschichte als wissen­schaftlicher Mitarbeiter beteiligt und wirkte anschließend im Thüringer Volkshoch­schul­verband. Daneben war und ist er in der politischen Erwachsenen­bildung als Referent tätig.