Das Volkshaus in der Weimarer Republik
1918 – 1933
Volkshaus als Versammlungsort während der Nationalversammlung
Nach der erfolgreichen Novemberrevolution 1918 brach eine neue Zeitrechnung für die Arbeiterbewegung an. Standen die Arbeiterinnen und Arbeiter während des Kaiserreiches noch in Opposition zur Monarchie, fanden sie sich nun nach den ersten freien, allgemeinen, gleichen und geheimen Wahlen erstmals in der Regierung wieder. Aufgrund der Unruhen in der Reichshauptstadt Berlin trafen sich die gewählten Abgeordneten 1919 in Weimar, um gemeinsam die erste demokratische Verfassung auszuarbeiten. Und wieder erwies sich die Errichtung des Volkshauses als Glücksgriff. Denn die Abgeordneten der Mehrheitssozialdemokratie (MSPD) hatten ihren Tagungsort der Fraktion in eben jenem Gebäude der Arbeiterbewegung — das besaß mehr als symbolischen Wert. So betraten im Februar 1919 sowohl der Reichspräsident Friedrich Ebert und der Mann, der am 9. November 1918 in Berlin die Republik ausgerufen hatte, Philipp Scheidemann, das Volkshaus1.
Aber nicht nur Sozialdemokratie nutzte das große Haus für ihre Versammlungen. Schließlich fanden sich im Januar 1919 auch zwölf Menschen zusammen, um die Ortsgruppe der Kommunistischen Partei im Volkshaus zu gründen. Obwohl es in der Arbeiterbewegung damit zu einer Spaltung zwischen reformerischen Sozialdemokratinnen und -demokraten und den Anhängerinnen und Anhängern des Kommunismus gekommen war, spiegelte sich dies nicht in der Nutzung des Volkshauses wider. Beide Parteien beanspruchten die Räume gleichermaßen für sich, wobei es überraschenderweise nicht zu Komplikationen kam.
Der Kapp-Putsch in Weimar
Ein wesentlich einschneidendes Erlebnis der jungen Weimarer Republik war der sogenannte Kapp-Lütwitz-Putsch im Frühjahr 1920. Er war ein Versuch rechtsgerichteter Kräfte, die junge Weimarer Republik zu stürzen. Auslöser war die Unzufriedenheit vieler Militärs und konservativer Eliten mit den Bestimmungen des Versailler Vertrags, insbesondere der Auflösung bestimmter Freikorps-Einheiten.
Am 13. März 1920 marschierten Teile der Marinebrigade Ehrhardt in Berlin ein und setzten die Reichsregierung unter Friedrich Ebert (SPD) ab. An ihre Stelle trat eine Putschregierung unter dem ostpreußischen Verwaltungsbeamten Wolfgang Kapp. Diese erklärte die Weimarer Nationalversammlung für aufgelöst und wollte eine autoritäre Ordnung errichten.
Da Reichswehrführer Hans von Seeckt die Parole ausgab „Reichswehr schießt nicht auf Reichswehr“, verweigerte das Militär den Schutz der legitimen Regierung. Die Regierung floh aus Berlin nach Stuttgart.
Entscheidend für das Scheitern des Putsches war der von SPD, Gewerkschaften und linken Parteien organisierte Generalstreik. Innerhalb weniger Tage legte er das öffentliche Leben lahm: Bahn- und Energieversorgung brachen zusammen, Verwaltungen und Betriebe standen still. Bereits am 17. März musste Kapp fliehen, der Putsch brach zusammen.
Trotz des Scheiterns offenbarte der Kapp-Putsch die Instabilität der Republik: Teile von Militär, Verwaltung und Justiz sympathisierten offen mit antidemokratischen Kräften, während die Verteidigung der Demokratie vor allem auf die organisierte Arbeiterschaft angewiesen war.
Eskalation vor dem Volkshaus
Die Reaktion der demokratischen Arbeiterbewegung auf den Putsch aus rechten Kreisen ließ in Weimar nicht lange auf sich warten. Zunächst beschloss und organisierte man — wie im gesamten Reich — einen Generalstreik. Die Arbeiterschaft verweigerte den Putschisten damit die Gefolgschaft — und auch in Weimar begann die Gegenbewegung.
Während sich in der Stadt Truppen der reaktionären Putschisten sammelten, konzentrierten sich die Verteidiger der Demokratie lokal auf das Volkshaus. Auch hier hatte der Aktionsausschuss der Weimarer Arbeiter zum Generalstreik aufgerufen und sich zudem mit Waffen und Munition versorgt. Zur Not wollte man die Republik mit Gewalt verteidigen. Am 15. März schließlich sammelten sich die Arbeiterinnen und Arbeiter im und vor dem Volkshaus. Trotz Verbot folgten zahlreiche Arbeiter der Stadt einem Aufruf des Aktionsausschusses zur Kundgebung am frühen Nachmittag im Volkshaus. Es trafen so viele Unterstützer ein, dass der große Saal des Hauses überbelegt war. So versammelten sich die Republikaner vor dem Haus und in der Straße. Ihnen gegenüber standen die Putschisten, welche ein Maschinengewehr in Anschlag brachten und damit in die Menge schossen. Neun Arbeiter wurden erschossen, 35 Arbeiter wurden zum Teil schwer verletzt. Die folgenden Personen starben: Anna Braune, Walter Hoffmann, Franz Pawelski, Paul Schander, Adolf Schelle, Karl Schorn, Karl Merkel, Ernst Müller, Otto Krassau. Günther und Walter Hoffmann.2
Durch die Aktion und Vorkommnisse in der Friedrich-Ebert-Straße wurden aber nicht nur die Opfer bekannt — auch das Volkshaus erhielt nun überregional einen Platz in der öffentlichen Erinnerung, da es nun fest mit der Arbeiterbewegung eng verbunden war.
An die Opfer des Kapp-Putsches erinnert bis heute eine Gedenktafel vor dem Volkshaus sowie ein Ehrenmahl auf dem Hauptfriedhof, welches von dem Gründer des Bauhauses, Walter Gropius, entworfen wurde und die Form eines Blitzes hat.
Am 18. März wurden die Opfer, nach der öffentlichen Aufbahrung im Volkshaus, in einer großen öffentlichen Zeremonie beigesetzt.
Das Fest der Arbeiterjugend 1920
Nicht zufällig fand in Weimar im August 1920 die 1. Reichskonferenz des Verbandes der Arbeiterjugendvereine Deutschland (VAJV) statt. Auf dem sogenannten Reichsjugendtag, der am Ort der Nationalversammlung und im „Betlehem der deutschen Kultur“ stattfinden sollte, trafen sich rund 2.000 Jugendliche, um in der Tradition der Weimarer Republik festlich beisammen zu sein. Das Volkshaus spielte eine zentrale Rolle beim Jugendtag. Zunächst hatten sich — nach einem Zug vom Bahnhof — alle Teilnehmenden dort versammelt. Nachdem anschließend die Stadt und ihre Denkmäler erkundet worden waren, traf man sich am Abend wieder am „roten Volkshaus“, um einem Lichtbildvortrag über das klassische Weimar des Weimarer Lehrers Eduard Scheidemantel beizuwohnen. Anlehnungen zu Goethe und Schiller wurden explizit gesucht und sollten noch einmal verdeutlichen, in welch freiheitlicher Tradition sich die sozialistische Arbeiterjugend bewegte. Auch die offizielle Begrüßungsfeier des Reichsjugendtages fand schließlich im Volkshaus statt. Die Bühne wurde dabei folgendermaßen beschrieben: „Die Bühne ist ein grüner Hain, rote Fahnen darüber“. Unterstützt wurde die Veranstaltung durch einen Chor und durch Vorträge prominenter Politiker und internationaler Freunde. Anschließend sammelten sich die Teilnehmenden schließlich noch einmal vor dem Volkshaus und zogen von da aus in die Stadt um „nur das Leben [zu] leben.“3
Erneuter Angriff auf das Volkshaus 1924
Nur vier Jahre nach dem Angriff auf das Volkshaus im Zuge des Kapp-Putsches kam es zu einem erneuten Sturm auf das Gebäude. Am Abend des 16. August 1924 zogen gegen 20 Uhr einige Antidemokraten vor das Volkshaus und versuchten dies zu erstürmen. Mut gab ihnen dabei offenbar die geänderte politische Großwetterlage im Land. Die Quellen sprechen dabei von 20 Personen, die das Volkshaus erstürmen wollten. Dabei kam es anschließend zu einer Schießerei in der Vorhalle. Über den weiteren Verlauf der Aktion und ob es Verletzte oder Tote gab, ist allerdings nichts bekannt. Die fehlende Berichterstattung kann aber als Indiz dafür gelten, dass der Versuch vereitelt wurde und das Haus fest in den Händen der Arbeiterinnen und Arbeiter blieb.
Örtliche Expansion
Mitte der 1920er Jahre wurde der Bedarf nach einem größeren Volkshaus und die häufige Bespielung auch noch einmal nach außen deutlich, denn am 31. Oktober 1925 wurde der Bauantrag für einen Verandaanbau gestellt und in der Folge auch umgesetzt. Ziel war es, noch einmal attraktiver als Veranstaltungsraum zu wirken. Da es um 1925 eine Vielzahl von Volkshäusern auf dem Gebiet der Weimarer Republik gab, bestand nicht nur innerstädtische, sondern auch überregionale Konkurrenz unter den jeweiligen Volkshäusern, wobei das von Weimar knapp 80 Kilometer entfernte Leipziger Volkshaus sicher zu den prominentesten seiner Art gehörte und eine ganz ähnliche Gründungsgeschichte wie das Weimarer Volkshaus vorzuweisen hat.
Das Ende der 1920er Jahre
Bis zum Ende der 1920er Jahre wurde das Volkshaus rege genutzt. Politische Reden, Versammlungen und Treffen, Kulturabende und Veranstaltungen fanden in steter Regelmäßigkeit statt und bedeuteten, dass die Weimarer Arbeiterbewegung eine eigene Heimstätte gefunden hatte. Daneben hielten auch die neuen Medien wie Radio und Kino Einzug. Zur Erinnerung an die sowjetische Oktoberrevolution wurde am 9. September 1928 der Film „Die Mutter“ gezeigt. Ein weiterer Beleg für die Gegenwärtigkeit statt Rückwärtsgewandtheit war außerdem eine Ausstellung. Diese hatte sich mit dem modernen Fortbewegungsmittel, der Luftfahrt, befasst. Ausgestellt wurde diese 1931.
Fußnoten
1 Vgl. Walter Mühlhausen, Friedrich Ebert. Reichspräsident der Weimarer Republik, 2. Aufl., Bonn 2007, S. 171
2 Zum Kapp-Putsch in Weimar ausführlich: Matthias Bettenhäuser, Gegen den Kapp-Putsch in Weimar, März 2000, URL:https://archive.is/F8Ut, abgerufen am 26.10.2025
3 Vgl. Christian Faludi, 1920 in Weimar. Das Ringen um Normalität, Wiesbaden 2021, S. 208–225