Baukultur im Gespräch
Das Volkshaus lebt wieder
Seit dem Rückkauf 2024 öffnete Karen Büchner, damalige Leiterin der Denkmalschutzbehörde, regelmäßig das Volkshaus für Führungen. So begleitete sie 2025 auch Katja Fischer, Architektin und Vorständin der Stiftung Baukultur Thüringen. Gemeinsam sprachen sie über Vergangenheit und Zukunft des Hauses — und über die Rolle von Baukultur, Denkmalschutz und öffentliches Bauen.
Ankommen und Erinnern im Volkshaus
Karen Büchner
Willkommen! Du bist zum ersten Mal hier — was nimmst du wahr?
Katja Fischer
Etwas sehr Positives. Ein Haus zu betreten, das man lange nur von außen kennt, hat seinen eigenen Zauber. Oft bin ich vorbeigefahren, habe mich gefragt, wie es drinnen aussieht — jetzt stehe ich mittendrin.
Karen Büchner
Hattest du ein Bild im Kopf, wie es wirken könnte?
Katja Fischer
Nein. Nur einen großen Saal, wie in einem Kulturhaus. Stattdessen sind es viele Räume, die vom früheren Leben erzählen. Selbst ohne Details ist die Geschichte spürbar.
Karen Büchner
Das erleben viele Gruppen ähnlich. Sie unterschätzen die Größe, sind still vor Staunen. Besonders der Saal berührt: Manche erinnern sich an die Konzerte und Veranstaltungen der 1980er- und 1990er-Jahre — damals traten hier bekannte Bands wie die Puhdys oder Karat auf. Für Jüngere ist es ein Ort, den sie erstmals entdecken. Dabei tauchen sofort aktuelle Fragen auf: Verkauf, Leerstand, Rückkauf. Manche fragen sogar: Warum nicht abreißen? Doch der Wert des Hauses liegt nicht nur in seiner Funktion, sondern in Substanz, Geschichte und kollektiver Erinnerung. Ein Haus kann unfertig sein — und trotzdem Bedeutung haben. Genau deshalb entstehen auch erste Ideen, wie es wieder lebendig werden könnte.
Volkshaus als Lernraum für Baukultur
Katja Fischer
Ihr habt das Volkshaus zurückerworben. Das ist heutzutage eher ungewöhnlich — dass eine Stadt diesen Mut aufbringt. Was bedeutet es für euch, Eigentümerin dieses Ortes zu sein?
Karen Büchner
Der Kauf war vor allem ein Akt der Verantwortung. Die Substanz war gefährdet, zugleich belasteten Leerstand und Vandalismus das Quartier. Mit dem Rückerwerb haben wir ein Signal gesetzt: Dieses Haus soll nicht verloren gehen. Möglich wurde das, weil die Rahmenbedingungen gestimmt haben — Förderung, Sanierungsgebiet, eine entscheidungsbereite Politik und eine handlungsfähige Verwaltung. Viele Kommunen möchten handeln, können es aber nicht. Umso wichtiger ist es, mit solchen Chancen verantwortungsvoll umzugehen und zugleich Beispiel zu geben: So kann es gehen, wenn die Bedingungen stimmen.
Katja Fischer
Was bedeutet das Volkshaus für dich — als Denkmalpflegerin?
Karen Büchner
Am Volkshaus können wir Denkmalpflege am eigenen Objekt erproben. Es zeigt, wie eng Denkmalschutz und Stadtentwicklung zusammengehören. Guter Denkmalschutz beginnt nicht erst beim Bauen, sondern schon in der Projektentwicklung: Substanz, Charakter und Bedeutung von Anfang an mitzudenken. Für mich ist das Volkshaus ein Lernraum — für Verwaltung und Stadtgesellschaft. Hier gilt: erst hinsehen, fragen, verstehen, bevor entschieden wird.
Katja Fischer
Genau darin liegt die Brücke zur Baukultur. Sie wird oft vorschnell auf „schöne“ Architektur reduziert. Doch Baukultur ist mehr: Sie beginnt mit der Qualität von Räumen — innen wie außen, im Alltag wie im Besonderen. Räume prägen uns, und wir prägen sie. Baukultur ist deshalb ein gesellschaftlicher Prozess: Wer entscheidet über Räume? Wer gestaltet sie? Welche Rolle spielt Beteiligung? Das betrifft Neubauten ebenso wie den Bestand — beim Volkshaus etwa die Frage, wie Wiederaneignung gelingt.
Karen Büchner
Die öffentliche Hand ist hier ein zentraler Akteur — als Bauherrin, in der Förderung und in der Planung. Sie gibt Maßstäbe vor und kann Impulse setzen. Am Volkshaus zeigt sich konkret die Frage: Wo steht die Verwaltung in der Baukultur?
Katja Fischer
Gerade Kommunen sind dabei entscheidend. Sie verbinden Struktur mit Alltag, Planung mit Lebensrealität. Am Volkshaus wird sichtbar: Verwaltung bildet nicht nur Zuständigkeit ab, sie handelt selbst — entwickeln, instand halten, aushandeln. Das ist Baukultur in der Praxis. Der Rückkauf zielte nicht auf einen akuten Bedarf, sondern auf die Sicherung des Hauses. Deshalb sollte die Frage nicht lauten: Was passt hinein? — sondern: Was kann dieser Ort künftig leisten — und für wen? „Fertig“ ist vielleicht der Moment, in dem ein Ort wieder genutzt wird, Menschen verbindet und Wirkung entfaltet.
Gestaltete Umwelt und gemeinsame Verantwortung
Karen Büchner
Denkmalpflege bezieht sich — wie Baukultur auch — auf unsere menschengemachte Umwelt. Fast alles um uns ist Ausdruck früherer Entscheidungen. Dieses „Wir“ der Vergangenheit prägt unsere Gegenwart. Zugleich gestaltet das heutige „Wir“ die Räume von morgen. Daraus erwächst Verantwortung — nicht nur für einzelne Gebäude, sondern für die gesamte Umwelt, in der wir leben.
Katja Fischer
Baukultur heißt zugleich, Ressourcen und Grenzen mitzudenken. Jede Planung, jeder Bau, jeder Quadratmeter Wohnfläche hat Folgen — für Klima, Ressourcen und Zusammenleben. Deshalb geht es nicht nur ums Gestalten, sondern auch ums Aushandeln: Wie viel Fläche brauchen wir wirklich? Welche Materialien und Energien sind verantwortbar? Gerade im Umgang mit dem Bestand liegt enormes Potenzial. Transformation statt Tabula rasa — das ist eine Schlüsselkompetenz.
Karen Büchner
Am Volkshaus wird sichtbar, wie komplex Verantwortung im Umgang mit Bestand ist. Immer wieder tauchen drei Fragen auf: abreißen, stilllegen oder weiterentwickeln? Wer weiterentwickelt, muss wissen: Das bedeutet dauerhaften Einsatz — an Energie, Personal und Organisation. Manche sagen deshalb: „Dann doch lieber abbrechen.“ Dieser Moment macht deutlich, dass Denkmäler keine Selbstzwecke sind. Wir müssen uns entscheiden, was uns als Gesellschaft wichtig ist. Genau dafür ist das Volkshaus ein idealer Ort: Hier überschneiden sich gesellschaftliche Debatten über unsere gestaltete Umwelt mit den spezifischen Aufgaben der Denkmalpflege.
Denkmalschutz als Teil der Baukultur
Katja Fischer
Du hast vorhin gesagt, dass deine Arbeit für dich auch etwas mit Baukultur zu tun hat. Wann wurde dir bewusst, dass deine Arbeit viel mit Baukultur zu tun hat?
Karen Büchner
Mein Zugang kam über die werteorientierte Architektur. Bauen war für mich immer ethisches Handeln — Respekt vor dem Bestehenden, nicht als Kopie jedes Details, sondern als Verantwortung über Generationen. Später traten neue Dimensionen hinzu: Klimawandel, Energiefragen, demografischer Wandel. Da wurde mir klar: Mit einem klassischen Denkmalbegriff allein lassen sich diese Herausforderungen nicht bewältigen. Es braucht eine Erweiterung.
Damit beginnt für mich der Übergang zur Baukultur: nicht nur das Objekt sehen, sondern den Prozess — als gesellschaftlich eingebettete Auseinandersetzung mit Raum. Ich möchte zurückfragen: Du hast dich als Vorständin der Stiftung Baukultur Thüringen bewusst dafür entschieden, die Denkmalpflege einzubeziehen — warum?
Katja Fischer
Für mich ist klar: Denkmäler sind Teil der gebauten Umwelt — und damit Teil der Baukultur. Doch das ist nicht selbstverständlich. In der sogenannten Davos-Erklärung von 2018 — einem europäischen Positionspapier zur Baukultur — war es ein wichtiger Schritt, Denkmäler ausdrücklich einzubeziehen.
Denkmalpflege ist ein Ratgeber, wenn es um Substanz, kulturelles Erbe und Identität geht. In Zeiten, in denen wir über Ressourcen, Reparaturfähigkeit und Werte sprechen, bringt sie Materialverständnis und Langzeitdenken ein — Qualitäten, die wir für eine nachhaltige Raumkultur brauchen.
Karen Büchner
Am Volkshaus zeigt sich, wie Denkmalpflege zwischen klaren Vorgaben und öffentlicher Diskussion wirkt. Wir haben dort festgelegt, welche Teile unbedingt erhalten bleiben müssen. Dabei wurde deutlich: Das Gebäude ist vor allem von der Nachkriegszeit geprägt, spätere Einbauten — etwa aus den 1980er-Jahren — gehören nicht zum Denkmalwert. Das schafft Spielräume für Veränderungen — aber im Rahmen nachvollziehbarer Leitplanken. Denkmalpflege heißt deshalb bewahren und zugleich Verantwortung weitergeben: an Planende, Politik und Gesellschaft. Veränderungen sind möglich, wenn sie gut durchdacht und überzeugend sind. Wenn nicht, ist es besser, nichts zu verändern.
Blick nach vorn — was bleibt zu tun?
Karen Büchner
Entscheidend ist, das Haus zu sichern: Dach, Schwammsanierung, Außenräume. Erst dann kann es selbstverständlich Teil der Stadt sein. Ein Haus braucht nicht sofort eine Nutzung — manchmal genügt es, wenn es geschützt ist und Raum für kommende Generationen bleibt.
Katja Fischer
Genau darin liegt die Stärke: Ein gesichertes Haus muss nicht alles auf einmal leisten. Wenn es wetterfest ist, öffentlicher Zugang ermöglich wird und Interessierte Informationen bekommen findet der Mensch seinen Raum — und der Raum seine Menschen.