Kulturhäuser in der DDR
Idee und Praxis angesichts soziokultureller Herausforderungen
„Orwell1 fürchtete diejenigen, die Bücher verbieten. Huxley2 befürchtete, daß es eines Tages keinen Grund mehr geben könnte, Bücher zu verbieten, weil keiner mehr da ist, der Bücher lesen will. Orwell fürchtete jene, die uns Informationen vorenthalten. Huxley fürchtete jene, die uns mit Informationen so sehr überhäufen, daß wir uns vor ihnen nur in Passivität und Selbstbespiegelung retten können.“3
Die erfreulichen Entwicklungen zur Revitalisierung des Volkshauses Weimar fallen in eine Zeit, in der sich finanzielle Rahmenbedingungen drastisch verschlechtern und unsere polarisierte Gesellschaft vor einer Zerreißprobe steht.
Dadurch werden für das Gelingen der Wiederbelebung und langfristigen Nutzung auch persönliches Engagement der Bürgerschaft und eine Gegenbewegung zum landläufigen Trend des „Rückzugs ins Private“ benötigt. Der Stadtrat hat seinerseits bereits mit dem Rückerwerb Entschlossenheit bewiesen.
Die emotionale Verbundenheit der Menschen mit dem Volkshaus Weimar bezieht sich durch die lange Nutzungsunterbrechung auf die Erinnerungen aus der DDR-Zeit, als die Einrichtung mit dem Namen „Kreiskulturhaus Michael Niederkirchner“4 in die Struktur der Kulturhäuser eingegliedert war.
Positive Erlebnisse als Kraftquell sind für die anstehenden Aufgaben genauso wichtig wie die wertschätzenden Blicke einer heterogenen Stadtgesellschaft der Gegenwart auf das Sinnstiftende dieser Begegnungsorte und Bildungsstrukturen.
Die Herkunft der Eingangszitate nach Postman zeigt den Spannungsbogen, in dem sich soziokulturelle Herausforderungen seit langer Zeit global befinden. Deshalb könnte sich Weimar als tradiertes Zentrum von Klassik und humanistischer Aufklärung den konstruktiven Erkenntnisgewinn des Erreichten in der Kultur und Bildung der DDR-Epoche zu eigen machen. Dieses immaterielle Kapital kann bei vorurteilsfreier Betrachtung bei der Bewältigung von Gegenwartsthemen unterstützen. Dieser Beitrag konzentriert sich deshalb auf den Kontext, in dem die gewachsenen ideologischen Rahmenbedingungen der SED-Herrschaft, Bildungsstrukturen und die alltägliche Realität des Lebens in den Kulturhäusern als Orte der Begegnung und Bildung standen. Und wie die Erkenntnisse aus der Praxis dieser Kulturhäuser und Strukturen für den Zusammenhalt unserer heutigen Gesellschaft, die Gemeinwohlorientierung, das Bildungsniveau, die Kompensation dysfunktionaler Elternhäuser und die Reduktion der vielgestaltigen Vereinsamung unter den Rahmenbedingungen unseres Grundgesetzes ohne „Negativfolie“ DDR nützlich sein können.5
Ein Beitrag über die DDR-Epoche lässt sich nicht verfassen, ohne vorab mit Respekt all jener zu erinnern, die in dieser Zeit in ihren institutionellen und individuellen Rechten eingeschränkt und diskriminiert wurden. Deshalb verbietet sich jede „Glorifizierung“. Eine Aufarbeitung dieses Teils der Epoche ist durch verschiedene Institutionen erfolgt und bildet hier keinen Schwerpunkt.
Seit 1990 hat sich in Teilen der Öffentlichkeit und Bevölkerung die stereotype Reduktion der DDR auf „Stasi.Mauer.Stacheldraht.“ scheinbar festgesetzt. Andere Teile sehen darin einen Mangel an Wertschätzung für Lebensleistungen, wie die enormen Anstrengungen beim Wiederaufbau nach 1945. Die ostdeutsche Nachkriegsentwicklung und ihre theoretischen Grundlagen waren kein Zufallsprodukt des Potsdamer Abkommens, sondern Ergebnis langfristiger Prozesse, die auf sozialen Verwerfungen beruhten.
1976 wurde bei der Eröffnung des Palastes der Republik noch erklärt: „Arbeiterklasse — Sieger der Geschichte“. Am Ende der DDR-Epoche stand die Implosion der SED-Herrschaft, die deren Bevölkerung als emanzipatorischer Akt teils unter großen existenziellen Risiken friedlich erreicht hat.
Im Ergebnis war die Arbeiterklasse auch Trägerin des Veränderungsprozesses 1989/90 — nur nicht in die von der SED vorgegebene Richtung. Die SED-Führung investierte aber bis zuletzt beachtliche Ressourcen in vernetzte Bildungsstrukturen und öffentliche Begegnungsorte, die kostenlos oder kostengünstig zur Verfügung standen. Das galt besonders für Betreuungsangebote der zahlreichen Kinder und Jugendlichen.
Es mag paradox (oder schlimmer) erscheinen: Der „Blick zurück ohne Zorn“ kann positive Erkenntnisse zur Besserung der Lebensqualität auf dem Fundament unserer gesetzlichen Verfassung leisten. Deshalb empfiehlt der Beitrag ein Verlassen des tradierten Pfades von „Siegern und Besiegten der Geschichte“ hin zum rationalen Analysieren der Erkenntnisse im Sinne humanistischer Aufklärung.
Erfolgreiches Beispiel wertschätzender Betrachtung ist die Ausstellung „Zwei deutsche Architekturen 1949–1989“. Sie stellt das Bauen in Ost und West auf „Augenhöhe“ dar und gilt als die umfangreichste Ausstellung in über 100 Jahren seit Bestehen des Instituts für Auslandsbeziehungen. Mit großer Resonanz war sie in über 20 Städten auf Welttournee und soll in Thüringen ihre finale Station finden.6
Diese Form des Rückblicks auf das oft als „Dunkeldeutschland“ verschmähte Land — und auf die im selben Atemzug mit abgewertete Bevölkerung — achtet neben dem potenziellen Nutzen für heutige Herausforderungen die Lebensleistungen und Biografien von vielen Menschen, die in dieser Zeit im 17-Millionen-Land gelebt, gearbeitet, gelacht, gelitten und geliebt haben.
Kulturhäuser als Mittelpunkt des gesellschaftlichen Lebens
1945–1972
Am Anfang der Epoche stand das Ende des Zweiten Weltkrieges, der als die bisher größte Tragödie der Menschheitsgeschichte gilt. Ostdeutschland war durch Krieg und Reparationen deindustrialisiert und in Trümmern. 24,3 % der Gesamtbevölkerung waren Umsiedler.
Für die neue Gesellschaft „wurde die Aneignung aller wissenschaftlichen und kulturellen Errungenschaften der Vergangenheit als notwendige Voraussetzung für ihren Aufbau betrachtet“. Die Kultur als geschichtsträchtiger, menschheitsverbindender Wert sollte den „Neuen Menschen“ auf eine höhere Stufe seiner Entwicklung heben. Die Wahl eines reichen, bürgerlichen Klassizismus für die Gestaltung der Kulturhäuser begründete sich aus dem Wunsch, die Kontinuität des Fortschritts wiederherzustellen. Das schloss den Erkenntnisgewinn seit der Antike explizit ein,7 als es bereits das Bedürfnis nach öffentlichen Begegnungsorten und kultureller Bildung gab.
Mit ca. 2.000 Kulturhäusern hatte die DDR die weltweit höchste Dichte an solchen Einrichtungen.8 Neben Hochkultur und ideologisch geprägten Veranstaltungen boten diese Orte Freizeitgestaltung im Rahmen von Vergnügen und Geselligkeit. Ein Schwerpunkt waren die meist kostenlosen Angebote für künstlerische Eigenbetätigung. 1968 gab es ca. 21.000 Zirkel und Kulturgruppen mit ca. 790.000 Mitwirkenden.
1948 wurde das Volkshaus Weimar nach Umbauten als Haus des FDGB wiedereröffnet und ab 1954 als „Kreiskulturhaus Michael Niederkirchner“ betrieben.
Epochaler Leitbau ist der Kulturpalast Unterwellenborn (Maxhütte).
Die nichtideologischen Veranstaltungen, in denen sich Bedürfnisse nach Selbstwirksamkeit, Vergnügen und Geselligkeit wiederfanden, schafften eine hohe Identifikation mit den Kulturhäusern, die bis heute bei diesen Menschen anhält.
Die Verläufe der Kulturpolitik lassen erkennen, dass unter der Überformung „SED-Diktatur“ nicht nur eine stringente „betonierte“ Linie existierte. Es zeigen sich widersprüchliche Prozessentwicklungen, die zwischen offeneren und autoritär-diktatorischen Tendenzen wandelten.9 Das DDR-Plattenlabel AMIGA veröffentlichte zum Beispiel 1964/65 gleich drei Singles und eine Langspielplatte der Beatles. Dagegen verbot das „11. Plenum“ im Dezember 1965 fast eine Jahresproduktion DEFA-Filme.
Der Rückzug ins Private: Gefangen in der eigenen Propaganda, Individualisierung und der Niedergang
1972–1990
„Es gibt zwei Möglichkeiten, wie der Geist einer Kultur beschädigt werden kann. Im ersten Fall — Orwell hat ihn beschrieben — wird die Kultur zum Gefängnis; im zweiten Fall — ihn hat Huxley beschrieben — verkommt sie zum Varieté.“10
Mit dem Wechsel der politischen Führung von Walter Ulbricht zu Erich Honecker 1971 änderte sich die Kulturpolitik in der DDR.
Die hohen Ansprüche an die Angebote in den Kulturhäusern aus den ersten Jahrzehnten wurden sukzessive aufgegeben. Es kamen zunehmend Shows auf die großen Bühnen der Kulturhäuser, Schlagerparaden und Varietés.
Die Akzeptanz der Kulturpolitik hing zunehmend vom übermächtig konkurrierenden TV-Angebot und der Lebenszufriedenheit ab. In den Haushalten der DDR nahm wie in anderen Ländern die Zahl der Fernsehgeräte und deren Anteil an der Freizeitgestaltung stetig zu. 1979 lag der Anteil der Fernsehunterhaltung in der DDR bereits bei 72,9 %.11
Im überwiegenden Teil der DDR war auch das „Westfernsehen“ empfangbar, erzeugte Sehnsuchtswelten und bestimmte immer mehr die Ansprüche. Die herausragende Stellung der Kulturhäuser im Freizeitverhalten der Bürger beim bloßen Konsumieren von Kultur verlor auch dadurch an Bedeutung. Inhalt und Ästhetik der Bühnenshows wurden von den Samstagabendshows im TV maßgeblich beeinflusst.
Mit dem Anstieg der verfügbaren Freizeit und dem TV-Schaufenster in westliche Lebenswelten wuchs auch das Bedürfnis nach individuellerer Lebensgestaltung, Selbstwirksamkeit und Entfaltung — insbesondere bei den Jugendlichen.12
Mit der Biermann-Ausbürgerung setzte 1976 ein Aderlass an Künstlern und Intellektuellen ein. Während Identifikationsträger in den Westen gingen, zogen sich wichtige Teile der Bevölkerung ins private „Exil“ zurück. Die resignierten Bevölkerungsteile erduldeten die weitere gesellschaftliche Entwicklung, beteiligten sich aber nicht mehr aktiv an ihr.
Die SED beanspruchte auch in den 1980er Jahren die Deutungshoheit über die Kultur und setzte dies durch Zensur, ideologische Indoktrination und gezielte Förderung von Künstlern und Werken durch, die dem sozialistischen Menschenbild entsprachen. Die anfänglich noch vorhandene Vielfalt in der Kunstszene der DDR wurde zunehmend eingeschränkt. Einer der Lichtblicke waren die privat organsierten Ausstellungen und Werkstätten „Max braucht Kunst“, an denen sich namhafte Künstler in einem breiten künstlerischen Spektrum beteiligten.13
Gorbatschow veränderte mit seiner Reformpolitik die „Spielregeln“ fundamental. Das weckte bei der DDR-Bevölkerung Hoffnungen, die insbesondere unter den Jugendlichen einen Mangel an Selbstwirksamkeit beklagte.
Die DDR-Jugend hatte sich inzwischen ihre kulturellen Nischen — teils illegal — selbst geschaffen. Dabei folgten sie internationalen Musiktrends.14
Spätestens mit dem Verbot der sowjetischen Zeitschrift „Sputnik“ in der DDR war klar, dass es mit der Führungsriege um Honecker kein Befolgen des Kurses von Gorbatschow geben würde. Während sich 1988 die Opposition immer stärker formierte und an den Satz Rosa Luxemburgs erinnerte: „Freiheit ist immer Freiheit der Andersdenkenden.“15, erklärte Honecker völlig realitätsfern noch am 14. August 1989: „Den Sozialismus in seinem Lauf halten weder Ochs noch Esel auf.“16
Wahlfälschungen im Mai 1989, die Grenzöffnung zwischen Ungarn und Österreich im September und die Demonstrationen im frühen Herbst machten den Machtverlust Honeckers und der realitätsfernen SED-Führung unaufhaltsam.
Der Kontrast zwischen dem implodierten Diktat der SED einerseits und deren nachhaltige Bildungserfolge andererseits lädt zu einem differenzierten Blick auf die Kulturhäuser der DDR-Epoche ein, wie ihn auch führende deutsche Kulturpolitiker fordern.17
Die Anstrengungen zum Erhalt der Häuser ist Teil kultureller Demokratie, die davon lebt, dass Menschen die Geschichte und aktuellen Bedürfnisse ihres Lebensraumes in Einklang bringen und für kulturelle Angebote sich persönlich engagieren. Die Bedeutung solcher Einrichtungen für den gesellschaftlichen Zusammenhalt steigt in Zeiten von Polarisierungen und globalen Krisen. Milieu- und generationenverbindende Begegnungs- und Erfahrungsräume werden zunehmend benötigt. Der Vereinsamung in Stadt und Land können diese Orte ein Gemeinschaftsgefühl bieten, Identifikationsort und heimatlicher Anker sein.
Die Entwicklungsdynamik unserer Gegenwart beschrieb der New Yorker Soziologe Neil Postman 1985:
„Wenn ein Volk sich von Trivialitäten ablenken läßt, wenn das kulturelle Leben neu bestimmt wird als eine endlose Reihe von Unterhaltungsveranstaltungen, als gigantischer Amüsierbetrieb, wenn aus Bürgern Zuschauer werden und ihre öffentlichen Angelegenheiten zur Varieté-Nummer herunterkommen, dann ist die Nation in Gefahr — das Absterben der Kultur wird zur realen Bedrohung.“18
Fußnoten
1 Orwell, George, „1984“; Erstveröffentlichung London, 1949
2 Huxley, Aldous, „Brave New World“ (Schöne Neue Welt); Erstveröffentlichung 1932
3 Postman, Neil: „Wir amüsieren uns zu Tode“, New York, Frankfurt am Main, 1993; Erstveröffentlichung 1985, S. 7 ff.
4 Zur Person Michael Niederkirchner siehe Langfassung
5 Eine umfassende Analyse hierzu liegt dem 2024 gegründeten „Netzwerk für Bildung & Begegnungsorte“ zugrunde. Diese ist in Teilen veröffentlicht: www.netzwerk-bildung-begegnung.de/
6 www.ifa.de/tournee/zwei-deutsche-architekturen-1949-1989-berlin-1/
7 Hartung, Ulrich, Arbeiter- und Bauerntempel — DDR-Kulturhäuser der fünfziger Jahre, S. 44
8 Vgl. Groschopp, Horst, Kulturhäuser in der DDR, in Ruben, Thomas / Wagner, Bernd (Hrsg.), Kulturhäuser in Brandenburg, Potsdam, 1994
9 Dietrich, Gerd, Ablenkung vom Klassenkampf, Produktivkraft Vergnügen. In: Häußer, Ulrike / Merkel, Marcus (Hrsg.): Vergnügen in der DDR, Berlin 2009, S. 232 ff.
10 Postman, Neil, Wir amüsieren uns zu Tode, S. 189
11 Dietrich, Gerd, Arbeit und Freizeit in: Vergnügen in der DDR, S. 238
12 Kludt, Steffen, Am Ende des Fortschritts?, S. 101 ff.
13 Vgl. Kroneck, Linn, Betriebskunst in der DDR, Das Beispiel Maxhütte, Bonn, 2015
14 Lindner Bernd, DDR Rock & Pop, S. 195; vgl. auch Schumann, Dieter, flüstern & SCHREIEN — Ein Rockreport, Dokumentarfilm über die Punkszene der DDR
15 Liebknecht-Luxemburg-Demonstration am 17.01.1988 — Von der „Freiheit der Andersdenkenden“, mdr, 2022, abgerufen am 18.08.2025
16 Baum, Karl-Heinz, „Weder Ochs noch Esel“ — Erich Honeckers Realitätsverlust, evangelisch.de, 2014, www.evangelisch.de/inhalte/108899/14-08-2014, abgerufen am 18.08.2025
17 Knoblich, Tobias J. (Präsident der Kulturpolitischen Gesellschaft), „Max braucht Gesellschaft“, Leipzig, 2024, S. 23
18 Postman, Neil, „Wir amüsieren uns zu Tode“, S. 190