Das Volkshaus in der DDR
1945 – 1989
Neubeginn oder Tradition?
Die Zeit des Nationalsozialismus und den Krieg hatte das Volkshaus nicht unbeschadet überstanden. Ein großer Teil des Hauses war beschädigt. So erfolgte eine Renovierung mit einigen Umbauten. Diese war bereits 1946 — noch vor Gründung der DDR — abgeschlossen. Zudem wechselte der Besitzer des Hauses. Es wurde ein Antrag auf Rücküberstellung des Hauses gestellt, der offenbar positiv beschieden wurde. Am Nikolaustag 1945 wurde die neu gegründete „Volkshaus Gesellschaft“ Eigentümerin des Gebäudes. Bereits wenige Tage danach, am 22. Dezember 1945, gab es eine große öffentliche Feier, in der das Volkshaus offiziell den Weimarer Arbeitern zurückgegeben wurde.
Mit der Umschreibung ging schließlich auch die Nutzung weiter. So ist überliefert, dass sich am 17. Januar 1946 — noch vor den umfassenden Instandsetzungsarbeiten — die Kommunistische Partei und die Sozialdemokratie der Stadt trafen, um eine gemeinsame Funktionärskonferenz in Thüringen abzuhalten. Das Volkshaus wurde also direkt — wie bereits nach seiner Eröffnung — als politischer Versammlungsraum genutzt.
Eingeweiht wurde das neue Volkshaus aber erst nach den Umbauten und Renovierungen im Februar 1948. Diese waren rasch nach der Übergabe geplant worden. Fortan sollte es zunächst den Namen „Haus des FDGB“ tragen. Der Freie Deutsche Gewerkschaftsbund war ab dem 21. Februar 1948 auch Besitzer und Verwalter des Hauses.
Um- und Anbau nach 1945
In den direkten Nachkriegsjahren wurde das Volkshaus umgebaut und vor allem erweitert. Es kamen weite Teile des Ost- und Nordflügels hinzu. Der hierfür zuständige Architekt war Paul Bräunlich. Auf dessen Pläne gehen die Änderungen zurück. Ziel war es, das Haus seiner ursprünglichen Nutzung zuzuführen. Es sollte wieder zu einem zentralen Ort des Weimarer gesellschaftlichen und politischen Lebens werden. Die Erinnerung an die Gewerkschaftstradition des Hauses blieb auch durch den Namen „Haus des FDGB“ präsent.
Aktiv werden!
In den späten 1940er Jahren wurde das Haus dann erstmals für sportlich Aktive zum Anziehungspunkt. Während am 11. März 1949 Weimars Radsportler in der Sportgemeinschaft „Fortuna“ nach 17jähriger Pause erstmalig wieder mit einer öffentlichen Saalsportwerbeveranstaltung im FDGB-Haus auftraten, fanden vom 12. bis 14. Mai 1950 mit 130 Tischtennisspielern die ersten Tischtennismeisterschaften der DDR im Haus des FDGB statt.
Vom FDGB zur IG Metall
Mitte der 1950er Jahre änderten sich noch einmal die Besitzverhältnisse, denn am 16. Januar 1954 wurde das Volkshaus von der Industriegewerkschaft (IG) Metall übernommen. Namenspatron wurde der Gewerkschafter Michael Niederkirchner, sodass das Volkshaus in den folgenden Jahrzehnten unter dem Namen „Michael Niederkirchner“ firmierte.
Doch damit nicht genug der Namensänderung: das Mähdrescherwerk in Weimar suchte schließlich ein neues Klubhaus — es war seinem alten Sitz, dem „Thüringer Hof“, entwichen, da dieser zu klein geworden war. So wurde fortan das Mähdrescherwerk der Betreiber des Hauses, was ihm ab dem 1. August 1955 den Namen „Klubhaus Michael Niederkirchner“ verlieh.
Der Namenspatron
Doch wer war eigentlich Michael Niederkirchner? Er wurde am 5. September 1882 im ungarischen Budapest geboren und machte eine Lehre als Maschinenschlosser. Um die Jahrhundertwende trat er sowohl der Gewerkschaft als auch der Sozialdemokratischen Partei Ungarns bei. 1905 siedelte er nach Deutschland über und begab sich auch hier in die Hände der Arbeiterbewegung. Nachdem er im Zuge des Ersten Weltkriegs in die österreichisch-ungarische Armee einberufen wurde, war er 1917 Teilnehmer an der Oktoberrevolution in Russland. 1919 kehrte er nach Berlin zurück, wo er sich der Kommunistischen Partei und wiederum der Gewerkschaft anschloss. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde er verhaftet und sowohl im Gefängnis als auch im Konzentrationslager gefangen gehalten. Am 13. Juni 1934 wurde er aus Deutschland ausgewiesen. Er emigrierte in die Sowjetunion, wo er wiederum in Gewerkschaftskreisen aktiv blieb. Im Jahr des Endes des Zweiten Weltkrieges kehrte er aus der Emigration zurück in die sowjetisch besetzte Zone und wurde Mitglied im ersten Zentralkomitee der KPD sowie Mitglied der Zonenleitung des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes (FDGB). Anschließend war er Mitbegründer und bis zu seinem Tod im August 1949 Mitglied des Sekretariats des Zentralvorstandes der IG Metall und Mitglied im Bundesvorstand des FDGB.
Tradition und Fortschritt
Zum 60. Jahrestag des Volkshauses 1968 wurde in Anwesenheit der Tochter sowie der Enkeltochter Michael Niederkirchners ein Porträt des Gewerkschafters im Treppenhaus enthüllt. Dieses war von Engelbert Schoner gemalt worden und schmückte fortan den Eingangsbereich.
Die 1960er Jahre: Vom Werk- zum Klubhaus
Die 1960er Jahre markieren eine Phase, in der das Gebäude als Teil der Betriebskultur vom VEB Weimar-Werk zunehmend genutzt wurde. Im Jahr 1964 wurde der Betrieb offiziell als VEB Weimar-Werk bezeichnet. Das Kulturhaus „Michael Niederkirchner“ bot Raum für Hobbys, Fotoclubs, Kulturzirkel etc. Laut einem Fotoalbum „50 Jahre Volkshaus“ fanden im großen Saal politische und betriebsbezogene Veranstaltungen, aber auch Konzerte und Faschingsveranstaltungen statt. Die Saal- und Bühnenräume dienten Versammlungen von Gewerkschafts- und Betriebsparteiorganisationen genauso wie privaten oder halböffentlichen Kultur- und Freizeitevents. So fand z. B. am 13. September 1969 die Gründungsversammlung des VEB Weimar-Kombinat-Landmaschinen im Kulturhaus statt. Eine Organisation mit immerhin 11.000 Beschäftigten.
Die 1970er Jahre — fest etabliert zwischen Betriebs- und Stadtgesellschaft
In den 1970er Jahren war das Haus sowohl fest mit dem Betrieb verbunden als auch offen für städtische Veranstaltungen. Vor allem der große Saal wurde sehr häufig genutzt und war als Veranstaltungs- und Feierort etabliert: Betriebsjubiläen, Gewerkschaftsversammlungen, Faschingsbälle, Tanzveranstaltungen fanden in regelmäßigen Abständen statt und etablierten das Volkshaus in der sozialistischen Gesellschaft. Darunter auch die III. Kulturkonferenz des FDGB-Bezirksvorstandes.
Ein weiterer wesentlicher Aspekt war die Klub- und Zirkelarbeit: Gerade die Räume im Anbau von 1946–1948, der so genannte Nordflügel, wurden genutzt für Kultur-, Foto-, Vereinsarbeit.
Und schließlich festigte das Volkshaus in den mittleren Jahren der DDR seine Bedeutung für die Betriebskultur. Der VEB Weimar-Werk war ein wichtiger Arbeitgeber in Weimar — ein Viertel der Einwohner war dort beschäftigt (11 bis 15.000 Mitarbeitende). Damit war das Haus für viele Beschäftigte Teil des Arbeits- und Freizeitalltags, bot es doch jeweils ein buntes Programm an Veranstaltungen und Formaten.
Die 1980er Jahre: Vorwärts immer — rückwärts nimmer?
In den 1980er Jahren setzte sich die Nutzung fort, jedoch mit zunehmenden Herausforderungen: Die staatliche Förderung war nicht mehr im Wachstum wie zuvor und viele Kulturhäuser gerieten in eine finanzielle oder bauliche Schieflage. Zwar ist für das Weimarer Volkshaus dazu kein Jahr dokumentiert, aber der finanzielle Rahmen entspricht dem, was generell für DDR-Kulturhäuser beobachtet werden kann. Viele Formate bestanden jedoch trotz der schwierigeren finanziellen Situation weiterhin. So existierte z. B. bis 1990 im Haus ein Fotolabor-Club des Weimar-Werks („Fotozirkel“) in den Kellerräumen.
Obwohl ein großer Teil der Veranstaltungen in den erprobten Bahnen ablief und nur wenig neue Methoden eingeführt wurden, gab es dennoch auch in den letzten Jahren der DDR noch exklusive Formate. So wurde noch 1988 im Kulturhaus der „Männerkochclub Weimar“ ins Leben gerufen.
Gegen Ende der 1980er Jahre sah sich das Haus jedoch mit strukturellen Problemen konfrontiert: veränderte Freizeitgewohnheiten, Konkurrenz durch andere Einrichtungen und wachsende bauliche Defizite riefen ein Verblassen des Volkshauses hervor. Zwar war im Jahre 1983 (und dann nochmal Anfang der 1990er Jahre) die Haustechnik und der Innenausbau modernisiert worden. Dennoch wurde nicht nur in der Gesellschaft, sondern auch am Volkshaus ein Stillstand deutlich.
Das Volkshaus in der Zeit der DDR
Bis 1989 hatte das Volkshaus eine herausragende Bedeutung. Es war zuallererst ein Ort der Gemeinschaft. Für viele Erwerbstätige im Weimar-Werk und der Stadt war das Haus Treffpunkt, Freizeitort, Veranstaltungsraum. Es war zweitens eine Versammlungsstätte mit Anspruch. Nicht reine Unterhaltung — auch politische und gewerkschaftliche Versammlungen fanden statt, was die ideologische Einbettung zeigt und noch einmal dafür sensibilisiert, dass die SED mit den Veranstaltungen in den Volkshäusern auch versuchte, die Gesellschaft ideologisch zu schulen und die Bevölkerung an sich zu binden. Und schließlich war das Haus als dritter Punkt ein kultureller Knotenpunkt: Kultur- und Vereinsarbeit, Hobbys, Zirkel — im DDR-Modell Teile des Alltagslebens wurden sie hier ausgelebt und es kam zu einem regen Austausch unter den Beteiligten.
Gleichzeitig war 1989 ein Wendepunkt: Das System der staatlich organisierten Freizeit- und Kulturhäuser begann zu bröckeln. Zwar lagen die Dokumentationen für dieses konkrete Haus nicht zahlreich vor, doch im DDR-Kontext war zu erkennen, dass Strukturänderungen bevorstanden — verändertes Freizeitverhalten, sinkende Mittel, wachsende Instandhaltungsprobleme.