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Die Zeit des Übergangs – Thüringen 1930–1933

Zwischen 1930 und 1933 war Thüringen politisch ein Vorreiter der Radikalisierung in der Weimarer Republik. Bereits 1930 übernahm dort erstmals in Deutschland ein nationalsozialistischer Politiker ein Ministeramt: Wilhelm Frick wurde Innen- und Volksbildungsminister in einer Koalitionsregierung aus NSDAP, Deutschnationaler Volkspartei (DNVP) und Thüringer Landbund. Frick nutzte sein Amt, um antisemitische und nationalistische Maßnahmen durchzusetzen, etwa die Entfernung „politisch unzuverlässiger“ Beamter und Lehrer, die Förderung NSDAP-naher Jugendorganisationen und die Einführung nationalsozialistischer Propagandainhalte in den Schulunterricht.

Die politischen Mehrheiten im Landtag verschoben sich rasch zugunsten rechter und antidemokratischer Kräfte. Demokratische Parteien verloren zunehmend an Einfluss. Die Regierungspolitik in Thüringen entwickelte sich dadurch zu einem Experimentierfeld für den späteren NS-Staat.

Mit der Reichstagswahl im März 1933 und dem „Gesetz zur Gleichschaltung der Länder“ verlor Thüringen seine Eigenständigkeit: Die NSDAP übernahm vollständig die Macht, oppositionelle Parteien wurden verboten und die Landesregierung in die nationalsozialistische Reichsstruktur eingegliedert.

Die Besetzung des Volkshauses am 2. Mai 1933

Rasch verlief die Besetzung und Übernahme des Volkshauses im Zuge der Verstetigung der Macht der Nationalsozialisten und der öffentlichen Gleichschaltung. Während am 1. Mai in Weimar ein pompöser Tag der Arbeit gefeiert wurde, der nun vor allem die Arbeiterbewegung an den Nationalsozialismus binden sollte, fand nur einen Tag später die Besetzung und Übernahme des Volkshauses statt. Die Weimarer Zeitung notierte an diesem Tag die nahezu geräuschlose Übernahme des Volkshauses wie folgt: „Der Thüringer Gauleiter der NSDAP, Staatsminister Sauckel, teilte am 2. Mai 1933 am Vormittag in einer Pressekonferenz mit, daß zwischen 10.00 und 11.00 alle Gewerkschaftshäuser der Freien Gewerkschaft in Deutschland von SA und SS besetzt und alle führenden Gewerkschafter in Schutzhaft genommen werden.“

Besetzung und Verwüstung des Volkshauses Bensheim durch die SA, 2. Mai 1933 Stadtarchiv Bensheim, Fotosammlung
Besetzung und Verwüstung des Volkshauses Bensheim durch die SA, 2. Mai 1933 Stadtarchiv Bensheim, Fotosammlung

Geänderte Nutzer – ähnliche Nutzung?

Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde der Name des Volkshauses sehr schnell in „Horst-Wessel-Haus“ — analog zur Straße, an der es sich befand — geändert. Und obwohl das Volkshaus nun unter gänzlich veränderten politischen Vorzeichen genutzt wurde — ein Ort der Arbeiterbewegung, Gewerkschaften und Parteien war es nun schließlich nicht mehr. Dennoch blieb es prominent im Veranstaltungskalender der Stadt Weimar verankert. Nahezu täglich fanden Veranstaltungen im Haus statt, seien es Treffen der NS-Kriegsopferversorgung, der Deutsche Büro- und Behörden-Angestelltenverband, die örtliche Hitler-Jugend oder die Mitgliederversammlung der NSDAP Ortsgruppe, bei der der Handwerkskammerpräsident und SS-Sturmbannführer sprachen. Auffallend ist, dass im Rahmen der verschiedenen Veranstaltungen viele Altersgruppen und Teile der NS-Volksgemeinschaft angesprochen wurden.

Emblem der NSBO (Nationalsozialistische Betriebszellenorganisation) gemeinfrei

Die NSBO richtet ihr Büro ein

Wesentlicher Nutzer war aber die Nationalsozialistische Betriebszellenorganisation (NSBO) Weimar. Bei dieser handelte es sich um eine von der NSDAP 1928 gegründete Arbeitnehmerorganisation, die in Betrieben und Gewerkschaften nationalsozialistische Propaganda verbreiten und die linke Arbeiterbewegung bekämpfen sollte. Nach der Machtübernahme 1933 wurde sie genutzt, um die Gleichschaltung der Betriebe voranzutreiben. Und so kam es, dass die NSBO nahezu im Tagesrhythmus Veranstaltungen im ehemaligen Volkshaus abhielt und zudem ihre Kreisgeschäftsstelle dort hatte.

Von der Freiheit zur Pflicht

Mit der NSBO änderte sich auch das Verständnis der örtlichen Veranstaltungen. War das Volkshaus früher ein Raum der Freiheit, so fanden nun Veranstaltungen statt, die teilweise Pflichttreffen waren, womit sich die Teilnehmendenzahl gut kalkulieren ließ. Zudem saß das Büro der Kreisgeschäftsstelle der NSBO in den Räumen des Horst-Wessel-Hauses. Um beispielsweise Eintrittskarten für Veranstaltungen zu erhalten, mussten also sowohl Mitglieder als auch Nicht-Mitglieder der NSBO die Räume des Horst-Wessel-Hauses betreten und kamen somit in Kontakt mit dem Gebäude.

Ausgrenzende Räume

Mit dem NS-Staat waren Veranstaltungen z. B. jüdischer Organisationen nicht mehr möglich. Das schlug sich auch im Weimarer Stadtgeschehen nieder. Für diese Menschengruppe gab es kaum mehr Möglichkeiten, sich öffentlich zu versammeln. Gerade im Horst-Wessel-Haus war das natürlich unmöglich. Das ehemals als Haus für die Unterdrückten gedachte Objekt wurde nun selbst zum Gegenstand der Auseinandersetzung und ein Mittel der Unterdrückung.

Artikel zum Umzug der SA in der Weimarischen Zeitung, 6./7. Mai 1933 Thüringer Universitäts­ und Landesbibliothek Jena

Übergabe an die Deutsche Arbeitsfront

Nachdem zunächst die NSBO die Verwaltung des Hauses übernahm, wurde es im Laufe der Jahre vermutlich an die Deutsche Arbeitsfront (DAF) übertragen. Diese soll das Haus ab 1939 verwaltet haben. In ungefähr dem gleichen Zeitraum erfolgte wiederum eine Umbenennung. Der Name Horst-Wessel-Haus wich und dafür wurde die Bezeichnung „Deutsches Haus“ vermehrt verwendet.

Volkshaus um 1934 Stadtarchiv Weimar

Unter der Leitung der DAF gab es die Idee, in jedem deutschen Ort ein Haus zu errichten, dass die Funktion erfüllte „Appellplätze der nationalsozialistischen Bewegung und Monumente einer mythischen Weihe des Arbeiterstandes“1 zu sein. Um es an dieser Stelle noch einmal deutlich zu sagen: die Nationalsozialisten versuchten nach außen hin den Anschein zu wahren, dass die Veranstaltungen in einer gewissen Tradition des Arbeiterstandes standen. Allerdings waren sie nun nicht mehr von der Arbeiterschicht gewünschte politische Referate oder kulturelle Veranstaltungen, die in Eigenregie organisiert und verwaltet wurden. Sondern es waren zentral organisierte Aufmärsche und Versammlungen, die fortan nur für die Volksgemeinschaft aufsuchbar waren und die ursprüngliche Offenheit zu einer rassistisch begründeten Exklusivität wandelte.

Volkshaus im Krieg

Das Ende des Krieges hatte das Volkshaus nur mit großen Schäden überstanden. Die Stadt bestätigte, dass der Schaden 20 Prozent des Hauses betrug.

Fußnoten

1 Hain, Simone / Schroedter, Michael / Stroux, Stephen: Die Salons der Sozialisten. Kulturhäuser in der DDR, Berlin 1996, S. 104

Ronny Noak Foto: Michael Paech

Ronny Noak

Ronny Noak arbeitet seit August 2025 als pädagogischer Mitarbeiter im Bereich politische Bildung an der Volkshochschule in Weimar. Er studierte von 2008 bis 2013 Politikwissenschaft und Geschichte in Jena und war anschließend Lehrbeauftragter an der FSU Jena. Er war bereits an der Ausstellung der Volkshochschule Weimar zu ihrer hundertjährigen Geschichte als wissen­schaftlicher Mitarbeiter beteiligt und wirkte anschließend im Thüringer Volkshoch­schul­verband. Daneben war und ist er in der politischen Erwachsenen­bildung als Referent tätig.