Sport frei?!
Sport im Volkshaus Weimar zwischen Arbeiterbewegung und sozialistischer Gesellschaft
Sport unter politischen Vorzeichen — die Ausgangslage des Arbeitersports um 1900
Mit der Eröffnung des Volkshauses 1908 wehte ein neuer Wind durch Weimar. Erstmals hatte die Arbeiterbewegung einen Ort, an dem sie sich fernab der staatlichen Repression und Zensur versammeln, äußern und vor allem Gemeinschaft leben konnte. Denn gegenseitige Solidarität war ein wesentlicher Anker der Arbeiterbewegung zu Beginn des 20. Jahrhunderts.
So kam es, dass das Volkshaus von Beginn an rege genutzt wurde. Vorträge und Diskussionen füllten bald den Veranstaltungskalender, und regelmäßig kamen die Arbeiterinnen und Arbeiter an dieser zentralen und eigenen Stelle zusammen.
Das Volkshaus Weimar war dabei von Beginn an aber weit mehr als ein Ort politischer Versammlungen und kultureller Veranstaltungen. Es entwickelte sich frühzeitig zu einem wichtigen Zentrum des Arbeitersports. Dieser besaß im späten 19. und frühen 20. Jahrhundert eine zentrale Rolle innerhalb der Arbeiterbewegung. Sicherlich ging es auch um Ideale wie Kraft, Stärke und Wettbewerb. Aber: Sport wurde hier nicht nur als körperliche Ertüchtigung verstanden, sondern als Ausdruck sozialer Selbstorganisation, politischer Bildung und gemeinschaftlicher Identität.
Der Arbeitersport unterschied sich dabei bewusst von den ebenfalls zu dieser Zeit erblühenden bürgerlich geprägten Turn- und Sportvereinen. Diese waren oft eher nationalen und konservativen Idealen verpflichtet. Stellvertretend dafür steht die Turnvater Jahn-Bewegung, die nicht nur die körperliche Ertüchtigung oder Betätigung im Freien zur Gesundung proklamierte, sondern auch dazu dienen sollte, die Nation zu einen und zudem für die Befreiungskriege wehrhaft zu machen. Auch hier waren also sportliche mit politischen Idealen verbunden.
Im Arbeitersport hingegen standen die Ideen Gleichheit, Solidarität und kollektive Teilhabe im Vordergrund. Hier kommt nun das Weimarer Volkshaus ins Spiel. Denn während es für die eher bürgerlichen Sportarten kein Problem war, Plätze im öffentlichen Raum für die sportliche Betätigung zu finden oder neu zu schaffen, war dies für die Arbeiterbewegung eine große Herausforderung. Sportplätze oder Turnhallen standen nicht wie heute einfach der Öffentlichkeit zur Verfügung oder wurden hierfür von den Kommunen verwaltet. Vielmehr benötigte es private Initiativen.
Warum das Volkshaus Sportstätte wird
Genau eine solche Initiative der Arbeiterbewegung war nun das Volkshaus. Es sollte ja „jetzt und alle Zeit seinen Namen Ehre machen“ und dies galt auch für die Sportbegeisterten. So kam es, dass im Volkshaus Weimar ab 1908 auch Sportveranstaltungen stattfanden. Zu den wiederholt durchgeführten Sportevents zählten Turnübungen, Gymnastik, und Spiel- und Sportveranstaltungen. Diese waren besonders eng mit den lokalen Arbeitervereinen verbunden — so waren diese Ausrichter, Unterstützer oder stellten Teilnehmende zur Verfügung.
Damit wurde das Haus zu einem wichtigen Treffpunkt der sozialdemokratischen und gewerkschaftlich organisierten Arbeiterschaft und verband politische Bildung, Geselligkeit, Kultur und körperliche Ertüchtigung. Die Entwicklung des Volkshauses zur Sportstätte steht somit exemplarisch für das Selbstverständnis der Arbeiterbewegung, die Sport nicht als bloße Freizeitbeschäftigung, sondern als Teil ihrer gesellschaftlichen und kulturellen Lebenswelt begriff.
Die Arbeitersportbewegung entsteht — global und lokal in Weimar
Wie oben gezeichnet, waren die durchgeführten Sportarten aber keinesfalls etwa unpolitisch. Das lag nicht nur am Ort — der ja der Hort der Arbeiterbewegung war —, sondern auch an den vertretenen Idealen. Sport diente schließlich auch als Mittel der Emanzipation der Arbeiterinnen und Arbeiter. Er stärkte das Selbstbewusstsein der Teilnehmenden und bot Raum für Begegnung und Austausch jenseits von Fabrik und Arbeitsalltag. Überhaupt war der Kampf um Freizeit eine der wesentlichen Forderungen der Arbeiterbewegung. Bereits frühzeitig, Anfang des 19. Jahrhunderts, stand die Forderung nach einem 8-Stunden-Tag im Raum. Die Industrialisierung hatte für eine Entgrenzung der Arbeitszeit gesorgt — Maschinen sollten rund um die Uhr laufen, und mit ihnen sollte der Fabrikarbeiter immer zur Verfügung stehen. Erste Erfolge wurden erzielt: bis 1914 sank die Arbeitszeit auf 10 Stunden täglich. Damit hatte die Arbeiter an Freizeit gewonnen, die sie nun unter anderem mit aktivem Sport oder in der Rolle des Zuschauers füllen konnten — etwas, was zuvor undenkbar war.
Dies erklärt auch den rasanten Anstieg an Sportvereinen und ‑verbänden um das Jahr 1900. In Weimar schossen diese geradezu aus dem Boden. Mit dem SC 1903 Weimar entstand einer der ersten Fußballvereine. Neben dem eher bürgerlichen Turnverein Jahnbund Oberweimar wird die aus der Arbeiterschaft hervorgehende Freie Turnerschaft ins Leben gerufen. Daneben gründen sich der Arbeiter Rad und Kraftfahrerbund „Solidarität“, der 1. Kraftsportverein Weimar, der Arbeiter-Keglerbund, der Arbeiter-Schützenbund, der Freie Seglerverband, der Segelfliegerverein „Sturmvogel“ und der Arbeiter Box-Klub.
Die 1920er Jahre — eine Konjunktur des Sports in Weimar?
Mit dem politischen Umbruch ausgelöst durch die Novemberrevolution 1918 änderten sich auch die Rahmenbedingungen. Beispielsweise hatte die Einführung des 8-Stunden-Tages zur Folge, dass noch mehr Zeit für Freizeitaktivitäten nutzbar war. Dies machten sich die Weimarerinnen und Weimarer auch zu Nutzen. In der ganzen Stadt entstanden neue Sportstätten. So wurde das Schwanseebad renoviert. Damit gehörte es zu den modernsten Bädern seiner Zeit. Ebenfalls 1928 wurde das Wimaria-Stadion eröffnet. Bei der Eröffnungszeremonie waren über 10.000 Menschen anwesend. Ein Rekord für Weimar, der bis heute Bestand hat.
Neben den Baumaßnahmen an den Gebäuden und Anlagen kam es zur Erweiterung des sogenannten Asbach-Grünzugs. Der Stadtbaudirektor August Lehmann hatte in den 1920ern angestoßen und verfügt, dass eine große Grünanlage im Weimarer Norden entstehen sollte. So wurde das Gebiet neu strukturiert und vor allem grüner gestaltet, um die Aufenthaltsqualität zu steigern. Auch das Freibad war Teil dieser Maßnahmen. Teile des Asbach-Grünzugs mussten dann dem Bau des Gauforums der Nationalsozialisten weichen. Weite Teile der Anlagen bestehen aber auch heute noch und sind seit 1993 ein Denkmal der Garten- und Landschaftsgestaltung. Historische Entwicklungen prägen damit auch heute das sportliche Stadtbild.
Aber auch das Volkshaus erlebte eine Blütezeit. Neben den politischen und kulturellen Veranstaltungen war es immer wieder ein Ort des sportlichen Wettkampfes aber auch des Zusammenkommens. In gewisser Weise repräsentierte das Haus damit auch international die Arbeiterschaft. Herausgehoben werden kann hier der Empfang ausländischer Fußballer im Volkshaus. Im Jahr 1925 kam es zu einem Freundschaftsspiel zwischen der Spielvereinigung Weimar und der Federation Sportive du travail Paris, einem Zusammenschluss aus Pariser Arbeitersportvereinen. Wie politisch aufgeladen die Veranstaltung schon vor Beginn war, zeigt sich daran, dass der Thüringer Innenminister Georg Sattler (Deutschnationale Volkspartei) einen Empfang der Franzosen verboten hatte. Die Weimarer Arbeiter ließen es sich aber nicht nehmen, diesen dennoch zu bereiten und sich so den Forderungen zu widersetzen.1 Nachdem sich die Vereine sportlich gemessen hatte — die Pariser gewannen 1:2 — beging man den Abend gemeinsam festlich im Volkshaus. Hier führten die Freien Turner durch den Abend — der dann also sehr gesellig ausklang.
Daran zeigt sich die besonders die soziale Dimension des Sports. Er schuf Gemeinschaft und überwand soziale und nationale Schranken. Gerade im großen Saal des Volkshauses konnten sich Menschen versammeln und ein Gefühl von Zugehörigkeit entwickeln — und wenn es wie im Fall der Pariser Arbeiter nur für einen Abend war.
Aber das Volkshaus war nicht nur Ort für abendliche Empfänge oder andere Festveranstaltungen, es war auch ein Ort des gelebten Sports. In den 1920er Jahren fanden regelmäßig Wettkämpfe verschiedener Sportarten statt. Einige der Werbeanzeigen sind hier abgebildet.
Damit kann gezeigt werden, wie aktiv die Arbeiterbewegung das für sie geschaffene Haus auch nutzte. Die Arbeiterbewegung, die ja nun in der Reichsregierung erstmals auch politisch an die Macht gekommen war, machte von den Vorzügen der liberalen Gesellschaft steten Gebrauch und war vielfach aktiv vor Ort. Nicht nur politische Veranstaltungen, auch Kultur und Sport knüpften ein starkes Band um die Bewegung.
Wichtig — und Ergebnis der Spaltung zwischen Bürgertum und Arbeiterschaft — war in diesem Zeitraum auch, dass es noch keine zentralen Wettkämpfe für die Vereine gab. So existierte neben den Olympischen Spielen — bei denen Deutschland ja zunächst noch ausgeschlossen war — eine Internationale Arbeiterolympiade. Diese fand erstmals 1925 in Frankfurt am Main statt. Auch Weimar entsendete Teilnehmende in die Mainmetropole.2 Ein weiterer Ausdruck waren die 1925 und 1931 in Weimar durchgeführten Reichsarbeitersportwochen. Im Programm ist zu lesen, wie vielgestaltig die Wettkämpfe waren. Auch das Volkshaus war dabei ein prominenter Ort. Das Haus war nicht nur Austragungsort für Wettkämpfe und Startpunkt für einen Stafettenlauf sondern auch Gastgeber für die Abschlussveranstaltung — was wiederum eine Vielzahl an Menschen ins Haus einlud.
1933-1945: Ein doppelt finsteres Kapitel
Mit der Machtübernahme der Nationalsozialisten treffen wir auf zwei Schwierigkeiten. Zum einen endet die chronistische Überlieferung. Es gibt keine Zeitdokumente, die Auskunft über sportliche Aktivitäten bzw. überhaupt über Tätigkeiten im Volkshaus geben. Der Blick in die Zeit ist wie ein Blick in ein schwarzes Loch.
Zum zweiten hatten die Nationalsozialisten mit der Machtergreifung 1933 den organisierten Arbeitersport zerschlagen. Wo Vereine einer Auflösung entgingen, wurden sie gleichgeschaltet. Damit verlor das Volkshaus seine wesentliche Funktion als Ort einer eigenständigen und freiheitlich organisierten Arbeitersportkultur. Noch stärker als zuvor zog damit auch der politische Appel in die Sportwelt ein. Dieser sollte fortan vor allem der Körperertüchtigung zur Wehrerziehung dienen. Gehorsam, Drill und Führerprinzip bestimmten nun den Sport. Weiter konnten man sich von den Prinzipien der Arbeiterbewegung gar nicht entfernen.
Neubeginn oder Kontinuität? — Die Rolle des Sports im Volkshaus nach dem Krieg
Nun stand nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges die Frage, was mit dem Volkshaus geschehen sollte. Nicht in bester Verfassung war zunächst nicht klar, wie es weiter genutzt werden konnte. 1948 wurde das Volkshaus nach Umbauten als Haus des Freien Deutschen Gewerkschaftsbundes wiedereröffnet. Ab 1954 wurde es als Kreiskulturhaus „Michael Niederkirchner“ betrieben. Es war damit Bestandteil des weit verzweigten Kulturhaussystems der DDR. Nach seiner Zugehörigkeit zum Gewerkschaftsbund, wurde es — stärker gewichtet als Kulturhaus — zur Verfügung gestellt.3
Ein nahtloses Anknüpfen an die alten Pfade war aber nicht möglich. Dafür hatten sich die politischen Rahmenbedingungen nach 1933 erneut 1945 zu stark geändert. Dies bedeutete auch, dass der Sport in der DDR eine neue Funktion erhielt. Er nahm dabei aber einen besonderen Stellenwert ein. Er war weit mehr als körperliche Betätigung oder Freizeitvergnügen: Sport sollte Gesundheit fördern, Gemeinschaft stiften, die Arbeitskraft erhalten und zugleich einen „sozialistischen Menschen“ formen. Besonders der Breitensport war eng mit dem Alltag der Betriebe, Schulen, Hochschulen und Massenorganisationen verbunden. Zugleich wurde der Leistungssport zu einem wichtigen Instrument staatlicher Repräsentation. Die DDR wollte mit sportlichen Erfolgen im In- und Ausland die Leistungsfähigkeit ihres Gesellschaftssystems demonstrieren.
Die Organisation des Sports unterschied sich dabei grundlegend von der Vereinslandschaft der Bundesrepublik. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die traditionellen Sportvereine aufgelöst. Das galt auch für viele der Vereine aus der Arbeiterbewegung der Weimarer Republik. Aber wie schon um 1900 kam es nun in Weimar zu einer regelrechten Neugründungsphase. An die Stelle der alten Vereine traten zunächst Sportgemeinschaften und später vor allem Betriebssportgemeinschaften (BSG). Der Sport wurde damit eng an die Arbeitswelt gebunden. Betriebe übernahmen die Trägerschaft von Sportgemeinschaften, stellten Anlagen und teilweise auch finanzielle und materielle Mittel zur Verfügung. Wer in einem Betrieb arbeitete, fand dort häufig zugleich Möglichkeiten, Sport zu treiben. Der Betrieb wurde damit nicht nur zum Arbeitsplatz, sondern zu einem wichtigen sozialen Lebensraum.4
Das Volkshaus war nun aber eben kein Produktionsgebäude. Zwar versammelten sich hier die Arbeiterinnen und Arbeiter der Stadt nach getaner Arbeit. Aber eben, um eher Abstand vom Alltag zu gewinnen. Der Sport war damit jedoch nicht ganz aus dem Volkshaus verbannt. Erstes Highlight und mit Sicherheit überregionale Bedeutung erlangte das Haus als Austragungsstätte der DDR-Tischtennismeisterschaft im Jahr 1950 — wenige Jahre nach dem Krieg und erst einige Monate nach Gründung der DDR. Weitere große sportliche Ereignisse fanden aber fortan in anderen Teilen der Stadt statt, wie das folgende Kapitel zeigt.
Weimar: Sport als Teil einer sozialistischen Stadtgesellschaft
Auch in Weimar prägte fortan das BSG-System die Entwicklung des Sports. Nach 1945 entstanden zahlreiche Sportgemeinschaften, die sich im Laufe der Zeit zu Betriebssportgemeinschaften entwickelten. Besonders bedeutend war die BSG Motor Weimar, die 1961 aus dem Zusammenschluss der BSG Lok Weimar mit der BSG Motor hervorging. Trägerbetrieb war das Mähdrescherwerk, später Volkseigener Betrieb (VEB) Weimar-Werk. Dieses war durch den Freien Deutschen Gewerkschaftsbund (FDGB) eng verbunden mit dem Volkshaus. Die BSG Motor verfügte über zwölf Sektionen und rund 1.100 Mitglieder und gehörte damit zu den größten Sportgemeinschaften der Stadt.
Das Beispiel zeigt exemplarisch, wie stark Sport, Betrieb und gesellschaftliches Leben in der DDR miteinander verbunden waren. Fußball, Handball, Leichtathletik, Turnen, Schwimmen oder andere Sportarten waren nicht allein individuelle Freizeitaktivitäten. Sie waren Bestandteil einer organisierten Gemeinschaft, in der Kolleginnen und Kollegen gemeinsam trainierten, Wettkämpfe bestritten und vor allem ihre Freizeit gemeinsam verbrachten.
Dabei konnte Weimar durchaus beachtliche sportliche Erfolge vorweisen. Ein Beispiel ist die BSG Einheit Weimar, deren Frauen-Handballmannschaft 1951 und 1954 DDR-Meister im Hallenhandball wurde. Sport war damit in Weimar in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen präsent und prominent: im Betrieb, in Schulen und Jugendorganisationen und natürlich im öffentlichen Leben der Stadt.
Das Volkshaus als sozialer Ort des Sports
Eine besondere Bedeutung kommt in diesem Zusammenhang dem Volkshaus Weimar zu. Das zwischen 1906 und 1908 errichtete Haus war wie oben gezeigt ein Zentrum der Arbeiterbewegung. Es sollte Raum für politische Versammlungen, Bildung, Kultur und die vielfältigen Aktivitäten der Arbeiterschaft bieten. Bereits in der Entstehungszeit gehörten auch Arbeiterbildungs- und Arbeitersportvereine zur sozialen Umgebung, für die solche Volkshäuser reichsweit geschaffen worden waren.
Das Volkshaus Weimar war nach 1945 keine Sportstätte im engeren Sinne mehr. Seine Bedeutung für den Sport lag vielmehr in seiner Funktion als sozialer und kultureller Treffpunkt. Zeitgenössische Erinnerungen beschreiben das Haus als Ort von Klubs und Vereinen, politischen und betrieblichen Veranstaltungen, Konzerten, Festen und anderen Formen gemeinschaftlicher Freizeitgestaltung.
Gerade diese Verbindung ist für das Verständnis des Sports in der DDR wichtig. Sport fand nicht isoliert in Turnhallen und auf Sportplätzen statt. Er war eingebettet in ein umfassendes System von Freizeit, Kultur und Gemeinschaft. Das Volkshaus bildete dafür einen wichtigen Rahmen. Hier trafen sich Menschen aus den Betrieben und Organisationen. Zusätzlich wurden zielgruppenspezifische Veranstaltungen durchgeführt. Deutlich wird die Verbindung zwischen Volkshaus und betriebssportlich organisierter Bewegung im Jahr 1949. Denn die BSG Waggonbau Weimar gründete sich sogar im Volkshaus5, dem damaligen Haus des FDGB.
Das Volkshaus stand damit beispielhaft für einen gesellschaftlichen Anspruch der DDR: Arbeit, Kultur, Bildung und Freizeit sollten miteinander verbunden werden. Die Kulturhäuser sollten Räume schaffen, in denen die Menschen ihre Freizeit gemeinsam verbrachten und sich zugleich kulturell und gesellschaftlich betätigten. In der DDR existierten schließlich rund 2.000 Kulturhäuser. Neben ideologisch geprägten Veranstaltungen boten sie auch zahlreiche Möglichkeiten zur Freizeitgestaltung, Geselligkeit und eigenständigen kulturellen Betätigung.
Entwicklungen vom Arbeitersport zum sozialistischen Breitensport
In der Retrospektive lässt sich damit eine interessante historische Entwicklung beobachten. Der Sport der Arbeiterbewegung, der vor 1933 auch der politischen und sozialen Selbstorganisation gedient hatte, wurde nach 1945 in die neue sozialistische Gesellschaftsordnung integriert. Der Gedanke der Gemeinschaft blieb erhalten, veränderte aber seinen politischen Bezug.
In der Weimarer Arbeiterbewegung war der Sport ein Ausdruck gesellschaftlicher Selbstorganisation gewesen: Arbeiterinnen und Arbeiter hatten eigene Vereine gegründet und sogar eigene Wettbewerbe organisiert. Sie schufen sich mit dem Arbeitersport eine eigene soziale und kulturelle Gegenwelt. Das Volkshaus war Teil dieser Infrastruktur. Nach 1945 wurde der Sport dagegen zunehmend von staatlichen und gesellschaftlichen Organisationen gelenkt. Die Betriebssportgemeinschaften waren Ausdruck dieser neuen Ordnung.
Das bedeutete allerdings nicht, dass sportliche Aktivitäten von den Menschen lediglich als staatliche Pflicht wahrgenommen wurden. Gerade der Breitensport bot Möglichkeiten für Gemeinschaft, persönliche Interessen und Vergnügen. Die Geschichte der DDR-Kulturhäuser zeigt insgesamt, dass neben politisch-ideologischen Angeboten auch viele Veranstaltungen und Aktivitäten existierten, die von den Menschen vor allem wegen ihrer sozialen und freizeitbezogenen Bedeutung angenommen wurden. Viele Sportarten, die eine Überdachung benötigten wurden episodisch im Volkshaus angeboten: unter anderem Turnen, Tanzen, Schach und Tischtennis blieben damit präsent.
Diese Ambivalenz gehört zu den Besonderheiten des Sports in der DDR: Er war politisch organisiert, wurde aber von den Menschen zugleich als persönlicher und gemeinschaftlicher Lebensbereich genutzt.
Und nun? Das Volkshaus als Erinnerungsort in der Gegenwart
Für die Geschichte des Volkshauses ist deshalb weniger entscheidend, ob dort regelmäßig Sport betrieben wurde. Wichtiger ist die Frage, in welchem gesellschaftlichen Umfeld Sport im DDR-Alltag stattfand. Das Volkshaus war Teil dieser Welt: als Klubhaus, Kulturhaus und Begegnungsort, an dem sich die unterschiedlichen Bereiche des gesellschaftlichen Lebens überschnitten.
Gerade darin liegt eine Verbindung zwischen der Geschichte des Hauses und der Geschichte des Sports. Das Volkshaus war zunächst ein Ort der Selbstorganisation der Arbeiterbewegung. In der DDR wurde es zu einem Kultur- und Begegnungsort innerhalb der sozialistischen Gesellschaft. Sport, Kultur, Politik, Betrieb und Freizeit waren in dieser Gesellschaft eng miteinander verflochten. Das Haus spiegelte damit eine Entwicklung wider, die auch den Sport prägte: Aus der selbstorganisierten Kultur der Arbeiterbewegung wurde ein staatlich und gesellschaftlich organisierter Bereich des sozialistischen Alltags.
Die Geschichte des Sports in der DDR lässt sich deshalb weder allein als Erfolgsgeschichte (verwiesen sei an dieser Stelle auch auf verschiedene Berichte über staatlich organisiertes Doping) noch ausschließlich als Instrument politischer Kontrolle verstehen. Sie war beides — mit all ihren Ambivalenzen. Zugleich war sie auch noch etwas Drittes: Für viele Menschen war Sport schlicht Teil ihres Alltags und vor allem ihrer Freizeit. Hier knüpften die Akteure nun wieder an die Tradition der Entstehungszeit an.
In Weimar zeigt sich diese Vielschichtigkeit besonders deutlich. Die großen Betriebssportgemeinschaften, die Hochschulsportgemeinschaft und die zahlreichen Freizeitangebote gehörten ebenso zur Stadtgeschichte wie das Volkshaus, das als Kulturhaus „Michael Niederkirchner“ einen wichtigen sozialen Mittelpunkt bildete.
So betrachtet erzählt die Geschichte des Sports im Volkshaus nicht primär von Sporthallen oder Wettkämpfen. Sie erzählt von der gesellschaftlichen Funktion des Sports — und davon, wie eng Bewegung, Gemeinschaft, Arbeit, Kultur und Politik in der DDR miteinander verbunden waren.
Fazit: Sport frei? Sport frei! — Zur Bedeutung des Sports im Volkshaus
Wie sich zeigt, gibt es gute Gründe die Bedeutung des Sports im Volkshaus zu untersuchen. Auf den ersten Blick gibt es nur wenig Anhaltspunkte, die Auskunft über entsprechende Aktivitäten geben. Nahezu nebensächlich wird der Sport in den Periodika oder Überlieferungen behandelt. Er ist ein Randthema, nicht etwas wofür das Volkshaus auch in der Öffentlichkeit stand — weder im Kaiserreich und der Weimarer Republik, noch in der DDR. Im Fokus standen andere Orte.
Und dennoch: Sport war einer der wesentlichen Programmpunkte im Volkshaus. Nicht täglich, aber doch in aller Regelmäßigkeit trafen sich Sportlerinnen und Sportler in den Räumen des Hauses. Aktiv betrieben wurden natürlich vor allem Sportarten, die sich auch in den Räumen durchführen ließen und weniger Breitensport waren: Turnen, Boxen, Tischtennis, Schach. Aber auch darüber hinaus kamen die Protagonisten immer wieder im Haus zusammen, um im Rahmen von Festveranstaltungen, Empfängen oder Jubiläen an sportliche Ereignisse zu erinnern.
Bei all dem gilt — und hier lässt sich nun eine Kontinuitätslinie im untersuchten Zeitraum ziehen, Sport war immer eingebettet in die entsprechenden Weltanschauungen. Auf der einen Seite war es die Zusammenkunft, ein Ort der Begegnung, der Gemeinschaft und der alltäglichen gelebten Solidarität unter den Sporttreibenden. Ob im Arbeitersport der Weimarer Republik oder im organisierten Sport der DDR — das Volkshaus fungierte als wichtiger sozialer Raum, in dem sich gesellschaftliche Entwicklungen im Kleinen widerspiegelten und in dem politische Strömungen Einfluss auf die Entwicklung des Sports nahmen. Sei es unter freiheitlich-emanzipatorischen oder sozialistischen Vorzeichen. Dies auch für weitere Orte und Zeiten zu eruieren, kann Auftrag für weitere Forschung sein.
Hierfür wenden wir uns abschließend an Sie, den Leser bzw. die Leserin: wenn Sie Andenken zur Geschichte des Volkshauses haben, vielleicht sogar an Veranstaltungen teilgenommen haben oder Fotos besitzen, dann freuen wir uns sehr auf Ihre Nachricht an .
Fußnoten
1 Vgl. Heidelinde Hauser, 10 Jahre Weimarer Arbeitersport — Ein Kampf gegen die Erstarkung des Militarismus und Faschismus. Darstellung der historischen Entwicklung des Weimarer Arbeitersports vom Ausgang des revolutionären Jahres 1923 bis zur Ergreifung der Macht durch den Hitlerfaschismus 1933, Jena 1963, S. 51.
2 Vgl.Hans-Georg Kremer, Thüringer Arbeitersportler nur bei zwei Olympiaden dabei, in: Jenaer und Weimarer Sporthistorie in Wort und Bild (= Jenaer Beiträge zum Sport, Sonderheft 2025) o.O. 2025, S. 169f.
3 Vgl. zur Besitzerentwicklung, Namensänderung und Umnutzung: Volkshochschule Weimar, Politik. Kultur. Gesellschaft. Das Volkshaus in Weimar, Weimar 2026.
4 Vgl. u.a. Stefan Jacob, Sport im 20. Jahrhundert. Werden, Wirklichkeit Würdigung eines soziokulturellen Phänomens, Marburg 2000, S. 79–81 und aus eher sozialistischer Perspektive: Fritz Wildung, Arbeitersport Berlin 1929, S. 29-42.
5 Vgl. Hans-Georg Kremer, „Als der Sport neu organisiert wurde“ in: Jenaer und Weimar Sporthistorie in Wort und Bild (=Jenaer Beiträge zum Sport, Sonderheft 2024.), o.O. 2024, S. 178f.